Nach Erfurt ist vor Erfurt – Computerspiele wieder im Fokus

16. März 2009 Print This Post

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Mit den schrecklichen Ereignissen von Winnenden wird erneut der Ruf nach einem Verbot von gewalthaltigen Computer‑ und Videospielen laut. Wie schon nach dem Amoklauf von Erfurt bietet dieser Fall reichlich Gelegenheit, Gesetzesverschärfungen und Konsequenzen zu fordern. Kaum einer, der nicht gefragt wird. Und kaum einer, der nicht antwortet und seine ganz eigene Lösung liefert. Dabei gelten schon seit mehreren Jahren strenge Regelungen.

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computer00_DW_Hambu_510554g.jpg„Killerspiele“ stehen schon seit Jahren am Pranger. So werden gewaltverherrlichende Ego-Shooter bezeichnet, in denen der Spieler meist aus der Ich-Perspektive virtuelle Menschen erschießt. Als typische „Killerspiele“ gelten Games wie „Counter-Strike“ oder „Half-Life“ – und diese werden nun erneut zum Anlass genommen, um eine weitere Verschärfung der Gesetze zu fordern.

Ein entsprechender Appell der CDU/CSU-Fraktion nach einem generellen Verbot derartiger Computer‑ und Videospiele wird vor allem damit begründet, dass auch im Haushalt des Delinquenten solche Spiele gefunden wurden. Einzelne Medien sehen darin den endgültigen Beweis dafür, dass Gewaltinhalte in Games Menschen zu schrecklichen Taten ermutigen können.

«Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Konsum gewalthaltiger Medien und der Tat in Winnenden ist nach derzeitigen Informationen nicht erkennbar», entgegnet der Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BIU). Die Tatsache, dass der Täter im Besitz von Computerspielen war, sei nicht weiter verwunderlich, da Videogames inzwischen ein «fester Bestandteil der Jugendkultur» seien.

Komplexer Tathintergrund

Der tragische Vorfall von Winnenden deute hingegen auf einen komplexen Tathintergrund hin. So sei etwa zu vermuten, dass insbesondere die psychische Kondition und das soziale Umfeld des Täters wichtige Faktoren darstellen. «Die vielen Todesopfer des tragischen Vorfalls erfordern einen sachgerechten Diskurs zu den Hintergründen des Geschehens. Die aktuelle Forderung der CDU/CSU-Fraktion nach einem schärferen Verbot für Computer‑ und Videospiele ist daher vollkommen unangemessen und nicht zielführend», stellt der BIU fest. Aus Sicht des Bundesverbands sei im vorliegenden Fall kein Versagen des Jugendschutzes feststellbar.

«Deutschland verfügt im weltweiten Vergleich über das engmaschigste Jugendschutzsystem im Bezug auf Computer‑ und Videospiele. Ein generelles Verbot von Spielen für Erwachsene käme einer Zensur gleich, welche angesichts der komplexen staatlichen Kontrollmechanismen nicht gerechtfertigt wäre», betont der BIU. Die Verbreitung von «gewaltverherrlichenden» Games sei ohnehin bereits heute schon auf Grundlage des Strafgesetzbuches verboten.

Unangemessene Ursachenforschung

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Der BIU warnt mit Rücksicht auf die Opfer der Winnender Tragödie, den Blick auf die eigentlichen Tatumstände nicht durch eine unsachliche Diskussion über ein Verbot von gewalthaltigen Computer‑ und Videospielen zu verstellen. «Die erneute Debatte um ein Verbot von ‚Killerspielen‘ ist rein politisch motiviert und wird populistisch geführt. Mit Blick auf den tragischen Vorfall und die Opfer ist diese Art der Ursachenforschung absolut unangemessen und verstellt den Blick auf die wirklichen Probleme», erläutert BIU-Pressesprecher Arjan Dhupia.

Das Vorgehen der Innenpolitiker diskreditiere das funktionierende Jugendschutzsystem und die Bemühungen derjenigen, die sich kontinuierlich dem Jugendschutz widmen. «Es gibt kein Regelungs‑ sondern ein Vollzugsdefizit. Die Innenminister sind gut beraten, sich Ihrer Verantwortung bei der Vollzugskontrolle der bestehenden Gesetze bewusst zu werden», so Dhupia abschliessend.

René Rübner

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Politiker aller Couleur nutzen den Amoklauf von Winnenden, um ihrer Forderung nach einem Verbot von so genannten «Killerspielen» Nachdruck zu verleihen. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann von der CSU verlangte nun in einem Radio-Interview das generelle Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen. „Es gibt brutalste Killerspiele, die den Spieler in die Rolle eines Gewalttäters versetzten, der andere Menschen hemmungslos abknallt. Solche Spiele haben bei uns nichts verloren.“, argumentiert Herrmann.

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Bildquellen: Flickr (CC): Walther Zwetschke, Karsten Just

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