Medienerziehung bereits im Kindergarten

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30. November 2008 Print This Post

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Große neugierige Kinderaugen untersuchen fasziniert ihre Umwelt – alles ist neu und unbekannt. Medien können Kindern dabei helfen, diese Welt zu ordnen und die Dinge darin zu bewerten. Aus diesem Grund sollte die Medienerziehung bereits im Kindergarten beginnen!

Prof. Dr. Ben Bachmair, Professor für Erziehung und Medienpädagogik an der Universität Kassel, ist der Auffassung, dass bereits Kindergärten die Medien in ihre Erziehungskonzepte einbeziehen müssten. In seinen Augen könne eine gezielte Medienerziehung den Kleinsten somit ein Handwerkszeug geben, welches ihnen helfe, den Medienalltag zu meistern. Dabei stünde besonders die Aufgabe im Vordergrund, den Kindern neue Genres und Formen von Medien anzubieten und so ihren Erfahrungshorizont zu erweitern. Durch frühkindliche Medienbildung sei der Kindergarten in der Lage, die Aufmerksamkeit, Fantasie und Teamfähigkeit seiner Schützlinge zu fördern. Dieser Prozess geschehe primär assoziativ und nicht gezielt lernend, erläutert Bachmair. Dabei sei es sehr wichtig, das Medienangebot so zu gestalten, dass es ergänzende und ausgleichende Strukturen aufweise und alle Kinder gleichermaßen anspreche.

Dass diese Idee von einer medienpädagogischen Erziehung in vielen Kindergärten höchstens eine Wunschvorstellung ist, zeigt die von der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Auftrag gegebene Studie. Die renommierte Medienforscherin Prof. Dr. Ulrike Six untersuchte im Jahr 2006 die Medienerziehung in nordrhein-westfälischen Kindergärten und nahm dabei eine repräsentative Befragung von 550 ErzieherInnen vor. Diese zeigte, dass die wenigsten ErzieherInnen fundiertes beziehungsweise adäquates Wissen über Medienerziehung besaßen und sich fast zehn Jahre nach einer ähnlichen Vorläuferstudie von Six kaum etwas an der medienpädagogischen Situation in nordrhein-westfälischen Kindergärten verändert hatte. Erschreckend war vor allem die hohe Zahl von 91 Prozent der Befragten, die angaben, sich im Bereich „Medienerziehung“ weit weniger kompetent zu fühlen als in allen anderen Fachbereichen. Außerdem bewerteten fast 70 Prozent ihre eigenen Computer‑ und Internetkenntnisse als ausreichend, mangelhaft oder ungenügend. Ulrike Six erklärte, dass viele KindergartenmitarbeiterInnen einfach nicht in der Lage wären, Kindern Medienkompetenz zu vermitteln, da sie diese selbst nicht besäßen. Die Auswertung der Kindergarten-Studie ließ die Forderung zur Änderung der Rahmenlehrpläne und die Einbindung der medienpädagogischen Kompetenz als eigenständigen Ausbildungsbereich laut werden.

Diese Ansicht teilt auch Prof. Dr. Norbert Neuß, Professor für Pädagogik und Didaktik des Elementarbereichs und der frühen Kindheit an der Universität Gießen, der, basierend auf aktuellen Forschungsergebnissen und seiner eigenen langjährigen Erfahrung, sieben Argumente für die Einführung der „Medienbildung“ als eigenständigen Themen‑ und Lernfeld erarbeitete. Neuß erläutert zunächst, dass Kinder heutzutage mit Medien aufwachsen und diese wie selbstverständlich nutzen würden. Er bezeichnet dies sogar als eine „Medienkindheit“. Demzufolge würden Medien die gesamte Kinderkultur beeinflussen und, neben der Erweiterung des Erfahrungsbereichs der Kinder, auch negative Effekte bei der kindlichen Sozialisation und Entwicklung mit sich bringen. Um gerade solche negativen Erscheinungen zu verhindern, sei es notwendig, Medien bereits in der Vorschulpädagogik zu thematisieren, so Neuß weiter.
Da Medien eben nicht nur Chancen, sondern auch Risiken böten, müssten sich die Kleinen bereits früh in ihrer Welt orientieren können. Ein sicherer und selbstständiger Umgang mit Medien könnte allerdings nur durch erzieherische Aufklärung stattfinden, argumentiert Neuß.
Als drittes Argument führt er die Nutzung medialer Inhalte zur Verarbeitung von Identitätsthemen und Entwicklungsaufgaben der kleinen Schützlinge an. Um den Kindern bei der Bewältigung von Medienerlebnissen zu helfen, benötigten ErzieherInnen jedoch spezifische Kenntnisse, die nur durch eine gezielte Ausbildung erreicht werden könnten.
Ein weiteres schlagfertiges Argument Neuß’ ist die Bildungschancengleichheit für alle Kindergartenkinder. Durch die Ausstattung der Kindergärten mit beispielsweise hochwertigen Lernprogrammen hätten alle Kinder gleichermaßen die Möglichkeit, ihre Fähigkeit und Kompetenz, ungeachtet ihres familiären Hintergrundes, zu erweitern.
Medien würden oftmals als bloße „Werkzeuge“ verstanden und fälschlicherweise als Gegenstandsbereich thematisiert. Diese Vorstellung von Medienpädagogik sei allerdings wenig sinnvoll. Vielmehr sollten die Kinder, in Bezug auf die Medien, im Mittelpunkt der Betrachtung stehen. Außerdem bringt Neuß an, dass im Kindergarten zeitliche und inhaltliche Kapazitäten genutzt werden sollten, die später in der Schule nicht mehr gegeben seien.

Anhand empirischer Studien konnte Neuß nachweisen, dass kreative Medienarbeit, die er als „Königsweg der medienpädagogischer Arbeit“ ansieht, in Kindergärten vollkommen vernachlässigt wird. So hätten unter zehn Prozent der Kinder jemals an einer Zeitung, einem Hörspiel oder einem Videofilm mitgearbeitet. Dabei gehe es nicht vorrangig um die inhaltliche Ausarbeitung eines Medienprodukts, sondern vielmehr um das Verstehen der Funktionsweise von Medien selbst. So erweitere Medienarbeit, neben „technischen, die emotionalen, analytischen, ethischen, gestalterischen, ästhetischen, sozialen und kommunikativen Kompetenzen“.
Abschließend argumentiert der Professor für Medienpädagogik, dass die Medienkompetenz eine „Schlüsselqualifikation“ in der heutigen Gesellschaft sei. ErzieherInnen sollten in ihrer Ausbildung nicht nur die technische Bedienung der Medien erlernen, sondern vielmehr einen kritischen Blick auf diese erlangen, um Eltern und Kinder gleichermaßen informieren und beraten zu können.

Würde Medienbildung als Themenbereich in die erzieherische Ausbildung integriert werden, könnte erreicht werden, dass es sich in einem weiteren Jahrzehnt bei „Medienpädagogik“ nicht mehr nur bestenfalls um eine Randerscheinung handelt.

Maria Höfs

Quellen:
http://www.nibis.de/nibis.phtml?menid=1976
Six, Ulrike; Gimmler, Roland (Hrsg.) (2007): Die Förderung von Medienkompetenz im Kindergarten. Eine empirische Studie zu Bedingungen und Handlungsformen der Medienerziehung. Berlin: Vistas Verlag

http://www.mediamanual.at/mediamanual/themen/pdf/kompetenz/51_Neuss_Medienbildung.pdf

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