Wenn das Spielvergnügen zum Zwang wird

20. Dezember 2009

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Wo verläuft die Grenze zwischen Spaß am „Zocken“ und unkontrolliertem Suchtverhalten? Wo finde ich Hilfe, wenn ich mein Kind mit Worten nicht mehr erreichen kann? Fragen, zu deren Beantwortung es professioneller Hilfe bedarf. Die Mainzer Ambulanz für Spielsucht bietet seit März 2008 Gruppentherapien zur Behandlung von Computerspielsüchtigen an. medienbewusst.de unterhielt sich mit dem Diplom-Psychologen Kai Müller, der in seiner Tätigkeit an der Universitätsklinik Mainz unter anderem den Phänomenen Online- und Computerspielsucht näher auf den Grund geht.

„Den Bedarf haben wir eher per Zufall entdeckt“, so Müller auf die Frage, wie man eigentlich darauf kam Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Computerspielsuchtproblem helfen zu müssen. „Mitarbeiter der Charité in Berlin hatten eine Beratungstelefonhotline eingerichtet, eigentlich für den Bereich pathologisches Glücksspiel. Da hatten sich dann auffällig viele Leute gemeldet, die eher über einen problematischen Umgang mit Computerspielen bzw. mit dem Internet berichtet haben.“

Am Anfang ist es zumeist so, dass der Betroffene immer mehr Zeit vor dem Rechner oder der Spielkonsole verbringt. Spielzeiten von acht bis zehn Stunden pro Tag sind dann keine Seltenheit mehr. Dabei werden andere Lebensbereiche zum Teil stark vernachlässigt. Der Kontakt zu Familie, Freunden und Verwandten tritt für den Spielsüchtigen in den Hintergrund. Onlinebekanntschaften, also Personen, die der Jugendliche nur aus dem Spiel selbst „kennt“, treten an dieser Stelle in den Vordergrund. „Bei unseren Patienten ist es so, dass die sehr häufig eine gestörte Schlafarchitektur haben. Wenn nicht gespielt werden kann, dann treten häufig Entzugserscheinungen auf“, sagt der Psychologe.

Die Universitätsklinik Mainz bietet zur Behandlung der Suchterkrankung Verhaltenstherapien an. Da gibt es zum einen die ambulante Gruppentherapie. Sechs Patienten bekommen von Psychologen allgemeines Wissen zum Thema Sucht vermittelt und wie sie richtig mit ihr umgehen können. Zum anderen werden auch klassische Einzeltherapien angeboten. „Jeder, der das komplette Therapieangebot von Stunde eins bis Stunde zwanzig durchlaufen hat, hat zumindest eine Besserung der Problematik aufgewiesen bzw. hat es geschafft ganz abstinent zu werden, oder aber ganz kontrolliert zu spielen“, berichtet Kai Müller von den Erfolgen der Behandlung. Wie bei jeder anderen Suchttherapie gibt es aber auch Personen, die zwischendurch die Therapie abbrechen. Auch nach der abgeschlossenen Therapie wird der Kontakt zu den ehemaligen Patienten aufrecht erhalten, was Müller als „wichtige Maßnahme der Qualitätssicherung“ ansieht, „weil wir natürlich gucken wollen, ob die Therapie überhaupt etwas bringt.“

Momentan betreut Müller ein Projekt, bei dem nicht nur der exzessiv spielende Jugendliche, sondern die gesamte Familie im Fokus steht. Ziel ist es ein Beratungskonzept zu entwickeln, dass der ganzen Familie hilft die Problematik Computerspielsucht in den Griff zu bekommen. „Es kommt häufig vor, dass im Familiensystem irgendetwas nicht stimmt, wo eigentlich eine Familientherapie eher angebracht wäre und wo nicht unbedingt eine Computerspielsucht vorliegt. Das klären wir über Interviews und über diese Familienanalysen“, berichtet der Psychologe. So liegen nun auch erste Zwischenergebnisse vor. In den Familien mit computerspielsüchtigen Jugendlichen lag gehäuft ein eher inkonsistenter Erziehungsstil vor. Eltern schwankten hier sehr stark zwischen autoritärem und nachgiebigem Verhalten. Der betroffene Jugendliche konnte sich nie wirklich auf ein konstantes Verhalten der Erziehungsberechtigten einstellen. Ebenso scheint die Vaterrolle von entscheidender Bedeutung zu sein. So spricht Müller davon, dass „ die Väter in diesen Familien häufig über eine sehr starke Rollenunsicherheit beim Erziehungsverhalten berichten. Sie wissen nicht so ganz genau, was ihre Aufgaben als Familienväter sind”.

Europäischen Studien zufolge wurde festgestellt, dass in Deutschland, Österreich, Polen, der Slowakei und in Griechenland etwa drei Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen als computerspielabhängig eingestuft werden können. Onlinerollenspiele wie World of Warcraft, Everquest oder Guild Wars sind unter anderem Titel, die bei den Patienten der Ambulanz für Spielsucht gehäuft suchtartig entgleiten. Wenn man mal davon ausgeht, dass man hiermit schon den Übeltäter eindeutig identifiziert hat, warum sollte man Fantasy Rollenspiele dann nicht generell erst ab achtzehn Jahren freigeben? Müller entgegnet hierauf: „Ich denke, das wäre ein bisschen zu rigoros. Man darf ja nicht vergessen, dass nur drei Prozent der Spielenutzer ein Abhängigkeitsverhalten entwickeln. Das heißt also 97 Prozent von den anderen Nutzern machen die Spiele einfach nur Spaß und die können auch durchaus eigenverantwortlich damit umgehen.“

Welche Tipps kann man nun Eltern und Jugendlichen an die Hand geben, um mit dem Thema Computerspielsucht richtig umzugehen? Verbringt jemand verhältnismäßig viel Zeit beim Spielen vor dem Rechner, dann liegt nicht zwangsweise auch gleich eine Suchtproblematik vor. Es ist unter anderem wichtig zu beobachten, wie sich die Länge der Spielzeiten über einen größeren Zeitraum entwickelt hat. Verheimlicht der Jugendliche möglicherweise, dass er Zeit vor dem Computer oder der Konsole verbringt, indem er z. B. hauptsächlich in der Nacht spielt? Haben Eltern noch das Gefühl, dass sie mit ihrem Kind über die Problematik reden können, dann lässt sich das Ausufern der Spielzeiten auch anderweitig verhindern. So kann ein Kontingent an Spielzeit pro Woche eingeführt werden, das nicht überschritten werden darf. Außerdem sollte darauf geachtet werden, dass andere Freizeitaktivitäten weitergeführt werden. Denn solange der Kontakt zum Freundeskreis weiterhin gepflegt wird und das Spielen nicht zur einzigen Freizeitbeschäftigung verkommt, so lange liegt beim Jugendlichen noch keine Computerspielsucht im eigentlichen Sinne vor. Haben Eltern dennoch das Gefühl, dass der Jugendliche die Kontrolle über sein Spielverhalten zu verlieren droht, so ist es zuerst von größter Wichtigkeit, dass sie sich informieren. Hierbei gibt Kai Müller Eltern folgenden Ratschlag: „Für fast alle Spiele gibt es im Internet sogenannte Elternguides. Man muss nur den Spielnamen bei google.de eingeben, plus das Stichwort ‘Elternguide’, und schon findet man eine Erklärung, was für ein Spiel das ist, worum es geht und allem Drum und Dran, extra für Eltern aufbereitet“. Ist dem Problem dennoch kein Einhalt zu gebieten, empfiehlt der Psychologe „lieber früher als zu spät, ein diagnostisches Erstgespräch in Anspruch zu nehmen. Es muss ja nicht gleich in eine Behandlung münden”.

Ole Berdau

Bildquelle: © Inga Nielsen – Fotolia.com

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