Comedian, Firmengründer, Bäcker

13. September 2009

Das alles ist Tommy Krappweis, er hatte die Idee für die Figur ‘Bernd das Brot’. Dass ein deprimiertes Kastenbrot hochmodernen Animeserien aus Japan oder altbekannten Disney-Serien aus den Vereinigten Staaten Zuschauer streitig machen sollte, hätte vor seinem Auftritt niemand für möglich gehalten. medienbewusst.de-Reporterin Katja Schmidt lernte den eigensinnigen Erfinder des Antihelden nicht nur im Fernsehen, sondern auch im Interview kennen. Dabei warf sie auch einen Blick in sein neues Buch, ‘Mara und der Feuerbringer’, das am 14. September erscheint.


Tommy_Krappweis2007_1.jpg23 Uhr. Ich liege im Bett und zappe durch die Kanäle, bleibe beim Kinderkanal hängen. Eine männliche Stimme haucht den Nachtschwärmern „Die KI.KA-Lounge, Entspannung pur, die ganze Nacht, mit ihrem Chillout-Coach Bernd das Brot. Fernsehen ohne alles, die Zukunft, in der KI.KA-Lounge“ entgegen.

Die gleiche Stimme erzählt mir im Gespräch von fürchterlichen Campingurlauben in der Kindheit, in denen 14 Bücher Freizeitlektüre aus der Stadtbibliothek überlebensnotwendig waren. „Ich hab versucht, die Urlaube weitestgehend im Zelt zu verbringen, um nicht in Lebensgefahr zu geraten“, fügt Tommy erklärend hinzu. „Campingurlaube?“, hake ich nach. „Ganz grauenvoll“, antwortet der Comedian knapp. Weil ich Zelten ebenfalls schrecklich finde, verzichte ich darauf, weitere frühkindliche Höllentrips zu Tage zu fördern, komme lieber auf etwas anderes zu sprechen.

„Hast du in deiner Kindheit auch ferngesehn?“, möchte ich wissen. Es fallen Namen wie Muppetshow, Bud Spencer und Terence Hill. Tommy überlegt kurz und erinnert sich dann noch an Tobi und Tobias und an Ix und Yps aus der Yxilonshow. Ich kenne weder das eine noch das andere, werde aber detailliert über die Versuche zweier Marionetten, ein deprimiertes Universum zu retten und über ein tschechisches Puppentheater in Muppetshowmanier, dessen Moderatoren 30 Folgen lang über ihre Überflüssigkeit philosophieren, aufgeklärt. Was ich daran sehr faszinierend finde, sind die Ähnlichkeiten mit Tommys mürrischem Kastenbrot. Als ich ihn darauf anspreche, wirft er begeistert ein: „Das ist so hochgradig psychopathisch, diese deprimierte Grundhaltung, einfach fantastisch.“

Fantastisches und Skurriles scheint sein Interesse schon in der Kindheit geweckt zu haben. Ob daher auch die Leidenschaft für Animation kommt? Ja und nein. Natürlich sei die Bandbreite an Gags bei einem SpongeBob breiter als bei einem echten Menschen. Das Publikum lässt sich auf surreale Handlungsstränge und Lösungsansätze ein, ist toleranter. Ein Beispiel: „Wenn eine Bauchrednerpuppe das Publikum nach Strich und Faden beleidigt, lachen alle. Stellst du einen Menschen dazu, um Gottes willen, dann wär was los.“ Ich muss ihm beipflichten.

Trotzdem ist die Begeisterung um Animiertes für mich noch unklar. Was bewegt jemanden dazu, bereits als Kind Animationsfilme auf Super8 zu drehen? Tommy grübelt: „Tja, ich weiß auch nicht so genau, ich glaube, ich konnte letztlich schon als Autor und Regisseur arbeiten, wusste das nur damals noch nicht. Ich hatte eine bestimmte Idee von einer Szene und konnte sie genauso umsetzen. Wenn ich mit Freunden gedreht habe, wurde es schon schwieriger, denen musste ich irgendwie versuchen zu vermitteln, was ich will oder sie motivieren.“ Kreative Kontrolle nennt er das. Präzision.

Andere Erfahrungen sammelte Tommy außerhalb vom Fernsehen. Zum Beispiel ließ er sich zwei Jahre lang vier Mal täglich in einem Münchner Freizeitpark erschießen. Unversehrt, wohlgemerkt. Abgesehen von dem Gefühl, eine wunderbare Zeit gehabt zu haben. „Lustig sterben hat schon was für sich“, rechtfertigt Tommy seine Arbeit als Stuntman. Ob man dafür einen bestimmten Humor braucht? Um über lustige Todesszenen wie sie in seinem Lieblingsfilm ‘The General’ vorkommen lachen zu können, anscheinend schon: „Damals fand man das hochgradig ekelig, ich fand das saulustig.“

Das schließlich ist sein Steckenpferd, die visuelle Comedy. Weil Tommy sich keinen Text merken kann. Dass er deshalb hinter die Kamera gewechselt ist, wäre allerdings zu einfach gedacht, zu einfach für die berufliche Rollenfindung vom Schauspieler zum Regisseur. Die hat sich vor allem in der Zeit als Comedian bei RTL-Samstag-Nacht vollzogen. Ein Lernprozess zwischen früher und heute. Eigentlich war der Wunsch, Regie zu führen schon immer da. Aber auch diese Unruhe, dieser Drang, etwas, ja – sich – vor der Kamera beweisen zu müssen: „Vorher brannte ich wie verrückt die ganze Zeit. Ich dachte immer, ich muss ja vorkommen vorkommen vorkommen, ich hab zu wenig Sketche, warum besetzt mich der Regisseur bei RTL-Samstag-Nacht nicht genug.“ Eine Folge, für die Tommy nur geschrieben hatte, wurde zum Schlüsselmoment: Die Leute klatschen. Wem gilt der Applaus? Den Schauspielern? Dem Autor hinter der Bühne!

Heute ist Tommy Problemlöser bei der bumm film. Die bumm film, das ist sein Unternehmen in München. Und ein Problemlöser muss jeder gute Regisseur sein. Trotz einem humorvollen Metier sei es manchmal kein angenehmer Job, wenn man die Aufgabe hat, 18 Mitarbeiter fest angestellt zu halten. Dafür müsse man wissen, wie man Kunden gewinnt. Etwas, worauf Filmhochschulen nicht wirklich vorbereiten könnten, so Tommy. Produziert die bumm film deshalb so viel Comedy? Nein, gewiss nicht, visuelle Gags zu verkaufen sei kein leichtes Unterfangen. „Dramatik ist einfach, Leute zum Weinen zu bringen ist richtig leicht. Du musst dich nur fragen, soll ich die Leute traumatisieren für ihr Leben oder soll ich sie beeindrucken oder soll ich sie verwundert zurücklassen, das ist alles ganz leicht, in meiner festen Überzeugung.“

Zum Buch:

‘Mara und der Feuerbringer’
Die eindrucksvolle Geschichte eines Mädchens, das aus ihrem Münchner Alltag in eine Welt fantastischer Visionen gerissen wird. Der Leser begleitet die 14-Jährige durch ein lebendiges Wechselspiel zweier Welten bis hin zu ihrem unausweichlichem Aufeinandertreffen. Kindlich unbedarft tritt Mara mit den germanischen Göttern in Interaktion und sucht mit teils verblüffendem Leichtsinn, das Ende der Welt zu verhindern. Doch genau diese Naivität lässt den Leser auf erfrischende Weise in die verstaubt geglaubte Mythologie eintauchen. Eine skurrile und spannende Begegnung von Vergangenheit und Gegenwart.

Katja Schmidt

Bildquelle:
Tommy Krappweis

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