Berufsorientierung durch Fernsehen

10. Dezember 2011

Die Diskussion über ein bildungswirksames, gleichzeitig auch unterhaltsames und interessantes Fernseh- und Spielfilmprogramm in Deutschland ist nicht neu. Zu viel Unterhaltung, zu wenig wissenschaftliche Themen und eine klare Rollenverteilung kennzeichnen das heutige Fernsehbild. Aus diesen Gründen hat sich die MINTiFF-Initiative der TU Berlin klare Ziele gesteckt. Mehr Chancengleichheit in fiktionalen Fernsehformaten, um das geschlechtstypische Denken der Berufsrollenbilder in den naturwissenschaftlichen und technischen Berufen zu verändern. medienbewusst.de sprach mit der Projektleiterin Prof. Dr. phil. Marion Esch über die Hintergründe und Chancen von MINTiFF.

Frau Esch, bitte erklären Sie uns kurz, worum es sich bei dem Projekt MINTiFF überhaupt handelt.

MINTiFF steht für Mathematik, Informatik, Natur- und Technikwissenschaften und Chancengleichheit Im Fiction-Format. Ausgangspunkt dieser Initiative war es, junge Menschen, vor allem Frauen, für die MINT-Berufe zu interessieren und zu begeistern. Doch es zeigte sich schnell, dass sich junge Frauen vor allem für die traditionellen Berufe in der Humanmedizin, der Betriebswirtschaft und Rechtswissenschaft interessieren. Aber auch der sehr männliche Beruf des Kommissars fand beispielsweise große Zustimmung. Diese Ergebnisse zeigen deutlich den Zusammenhang von beruflichen Präferenzen und den thematisierten fiktionalen Berufen im Fernsehen auf. Damit war unser Fokus definiert.

Worin sehen Sie die Hauptgründe für das fehlende Interesse im MINT-Bereich?

Die Gründe sind sehr vielfältig. Ein Grund für die berufliche Entscheidung der jungen Frauen ist die erkennbare gesellschaftliche Relevanz des jeweiligen Berufsfeldes. Der Nutzen, der hinter naturwissenschaftlichen und technischen Berufen steckt, ist nicht auf Anhieb ersichtlich wie beispielsweise bei einem Mediziner, der Krankheiten kuriert. Dazu findet sich im Fernsehen eine Vielzahl von Vorbildern. Ein Elternhaus, das offen für neue weibliche Berufsfelder ist, spielt zudem auch eine wichtige Rolle.

Inwieweit tragen Medienmacher eine Verantwortung an dem mangelnden Interesse der Jugendlichen an den MINT-Fächern?

Die Filmschaffenden sind meist jene, die die MINT-Fächer bereits zu Schulzeiten abgewählt haben. Es fehlt folglich das Wissen und die Vorstellungskraft in diesen Bereichen, sodass sie keine spannenden Geschichten daraus gestalten können. Die geringe Zahl an Frauen im realen MINT-Bereich erschwert dies zusätzlich.

Inwiefern sind weibliche Berufsrollen wichtig für das deutsche Fernsehbild?

Fiktionale Vorreiter sind wichtig, um die Vorstellung zu unterstützen, dass auch Frauen für diese Berufe geeignet sind und erfolgreich sein können. Die Medien können dabei einen vollständigen Sinneswandel mit sich bringen. Kinder, die in einer ausgewogenen Medienwelt aufwachsen, könnten unvoreingenommen eine Berufswahl treffen. Somit ist die Darstellung im Fernsehen relevant, um bei Kindern nicht den Eindruck zu erwecken, dass sie für bestimmte Berufe nicht geeignet sind.

Prof. Marion Esch

Beispiele aus den USA zeigen, dass sich der Studentinnen-Anteil im Fach Jura deutlich erhöht hat, nach Einführung einer juristischen Sendung. Ein ähnlicher Fall ist aus der Gerichtsmedizin bekannt. Dieses Phänomen wurde also schon mehrmals beobachtet. Warum reagieren die Medienmacher nicht darauf? Sind sie sich ihrer Verantwortung im Berufsfindungsprozess nicht bewusst?

Nach den Ergebnissen unserer Studien sind sich Filmschaffende der unbeabsichtigten Nebenwirkungen fiktionaler Programme auf die beruflichen Orientierungen Jugendlicher und der symbolischen Nicht-Existenz von Frauen in geschlechtsuntypischen MINT-Berufen nicht bewusst. Auch ist es nicht unbedingt das Ziel, Fiktionale Programme für Bildungsziele einzuspannen. Allerdings wird sich die Filmindustrie ihrer Verantwortung mehr und mehr bewusst.

Welche Eigenschaften sollte eine perfekte Sendung im deutschen Fernsehen Ihrer Meinung nach aufweisen, damit sie für beide Geschlechter interessant erscheint und wissenschaftlich fundiert ist?

Unterhaltung und Wissenschaft schließen sich gegenseitig nicht aus, wenn gesellschaftlich relevante Themen sorgfältig aufbereitet werden. Der Aufklärungsgehalt steht dabei nicht im Widerspruch zu der Unterhaltung, sondern wird zu einem zentralen Element der Unterhaltsamkeit.

Wenn Sie abschließend einen Blick in die Zukunft wagen würden, wie wird sich das bestehende Fernsehbild verändern und was könnte MINTiFF im idealen Fall dazu beitragen?

Wir hoffen, dass die MINT-Thematik mehr in das Erzählen und das öffentliche Bewusstsein eingeht. So können die jungen Frauen diesen Bereich für sich entdecken und erkennen, dass sie damit Anerkennung bekommen und erfolgreich sein können. Es wäre wünschenswert, wenn sich die deutsche Filmexzellenz mit der MINT-Exzellenz zu einer MINT-Entertainmentexzellenz verbindet und so ein Umdenken der typischen Rollenverteilung bewirken kann.

medienbewusst.de bedankt sich bei Frau Prof. Marion Esch für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Sophie Stange

Bildquelle:
Porträtfoto zur Verf. gestellt v. Prof. Marion Esch
© WDR

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