“Ich habe die Schlägerei von gestern am Busbahnhof auf dem Handy, willst du sie mal sehen?”

4. Oktober 2009

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So könnte eine normale Unterhaltung im Klassenzimmer beginnen, wenn man vielen Presseberichten Glauben schenken kann. In letzter Zeit gibt es immer wieder Meldungen über pornografische und gewalthaltige Inhalte auf den Handys von Jugendlichen. Sind diese Berichte übertrieben oder sind kritische Dateien auf Mobiltelefonen ein ernstzunehmendes Alltagsproblem? medienbewusst.de-Reporter Jens Schmeling ging für Sie zurück auf den Schulhof, um diesem Phänomen auf den Grund zu gehen.

Von außen ist die Schule unauffällig. Ein normales, unscheinbares Schulgebäude, wie man es erwartet. Es ist weder das Privatinternat Salem, noch die Rütli-Schule in Berlin. Genauso normal erscheinen die Schüler, die sich sichtlich entspannt durch die Flure bewegen. Die letzte Schulwoche in einem Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen hat begonnen. Die Schüler werden ihre Zeugnisse bekommen und die Schule als Thema hat sich für die meisten von ihnen erledigt. Steigert das meine Chancen auf offene Gespräche? Reden die Schüler mit mir und wenn ja, sind sie ehrlich? Handys und die gespeicherten Daten verraten viel über den Besitzer. Keiner lässt Fremde gerne in seine Privatsphäre und spricht mit ihnen gelassen darüber.

Die Atmosphäre im ersten Klassenzimmer ist entspannt, es wird gefrühstückt. Die erste Frage an die Schüler, wie sie das Handy nutzen, wird aus der Runde schnell beantwortet: “Telefonieren, SMS schreiben, Musik hören, Bilder machen und auch mal ein Video drehen.” Bei der Nachfrage, was denn so fotografiert und gefilmt werde, wird es schon etwas stockender. “Uns halt, gegenseitig.” Man spürt die plötzliche Anspannung und ein fragendes Misstrauen bei den Schülern. Hier beginnt der private Bereich, die Jugendlichen überlegen, was sie antworten wollen. Das Gespräch kommt erst langsam wieder in Gang. Was dann berichtet wird, ist allerdings das ganz normale Verhalten, wie Fotos auf Klassenfahrten, beim Weggehen, Party machen und alles was man als Jugendlicher tut.

Plötzlich schöpft Daniel Verdacht: “Ich merke doch, worauf das hinausläuft. Sie wollen doch wissen, ob wir Pornos und Gewaltvideos anschauen.” Jetzt ist es unverblümt ausgesprochen, eines der Hauptthemen, das hier diskutiert werden soll. Die meisten der Schüler schweigen. Aber Daniel beginnt zu erzählen: “Na klar gibt es das, aber das ist eher bei den Jüngeren so. In unserem Alter ist das eigentlich vorbei.” Einige der Schüler stimmen jetzt zu und die einhellige Meinung ist, dass das Thema ab einem gewissen Alter nicht mehr so interessant ist und es vor allem männliche Jugendliche betrifft. Fast alle haben solche Videos schon einmal gesehen, aber eigentlich eher vor einigen Jahren. Diese Inhalte gibt es, und sie werden auch getauscht und verschickt. Jedoch nicht in einem alltagsbestimmenden Umfang.

Die Frage, warum sie diese Filme heute nicht mehr so häufig sehen, ist für sie einfach zu beantworten. Zum einen wird es langweilig, zum anderen machen sich die Schüler mehr Gedanken über das Thema. “Mit 13 ist es cool, wenn man Pornos auf dem Handy hat, das interessiert heute keine mehr, man hat alles schon gesehen”. Auf die Frage, was daran cool sei, kommt die Antwort: “Weil es etwas Verbotenes ist und man vor der Clique damit angeben kann.” Spontan muss ich innerlich schmunzeln und denke an meine eigene Jugend. Im Prinzip hat sich nicht viel geändert, nur das Medium ist ein anderes. Früher waren es Heftchen und VHS-Kassetten, heute ist es eben das Handy.

Das Thema Gewalt muss differenzierter betrachtet werden. Die Gründe für den Konsum sind die gleichen wie bei pornografischen Inhalten, nämlich Imponiergehabe, Neugier und der Reiz des Verbotenen. Die Konsequenzen, die gezogen werden, sind allerdings sehr unterschiedlich. Die Einen lehnen die Gewalt generell ab, die Anderen differenzieren nach der Entstehung der Filme. Einige berichten: “Wenn etwas Spektakuläres passiert, wird das auch gefilmt. Handy raus, Videomodus ein und schon wird gefilmt.” Der reale Actionfilm wird gedreht. “Wenn zwei sich prügeln, kann das ruhig gedreht werden, es passiert mit oder ohne Kamera”, ist die Meinung einiger, die große Mehrheit schweigt dazu. Anders gesehen wird dies beim sogenannten Happy Slapping, wenn Unbeteiligte aus Spaß verprügelt oder belästigt werden, um dies zu filmen und die Videos später zu verbreiten.

Alle Schüler finden es asozial, so etwas zu tun. Bei der großen Ablehnung gegenüber solchen Aufnahmen ist es verwunderlich, dass es sie überhaupt gibt. Die Erklärung hierfür kann eigentlich nur jugendlicher Leichtsinn und noch nicht gereifte Sozialkompetenz sein, aber dieselben Vorgänge gab es früher auch schon. Früher wurde auch mit Schlägereien geprahlt und versucht, sich dadurch zu profilieren, heute kommt lediglich die Kamera als direkter medialer Beweis hinzu.

Ein anderes Problem in diesem Zusammenhang, die Rechte der beteiligten Personen, scheint allerdings kaum bedacht zu werden. Ob betrunken, halbnackt oder in eine Prügelei verwickelt, alles wird gefilmt, gezeigt und weiterverschickt. ob dies dem Betroffen recht ist oder nicht. Ein Schüler äußert sogar: “Wenn ich aus dem Haus gehe, bin ich doch öffentlich, dann muss ich doch damit rechnen, dass mich jemand aufnimmt”. Keiner widerspricht dieser Aussage und einige rechtfertigen sich. “Manche finden es total cool, wenn sie besoffen gefilmt werden, dann können sie ihren Kumpels gleich zeigen, wie krass sie am Wochenende Party gemacht haben.” Die Konsequenzen werden kaum erkannt. Man möchte vielleicht später nicht mit solchen Dingen in Verbindung gebracht werden, wenn man den Schwiegereltern erstmals begegnet oder sich beruflich bewerben muss.

In der zweiten Klasse, die ich besuche, sind die Erfahrungen ähnlich. Allerdings halten diese Schüler solche Videos für eine noch größere Ausnahme als die kurz zuvor befragte Klasse. Auch hier ist eine große Ablehnung von realen Gewaltvideos zu erkennen. Einer der Schüler findet gestellte Videos lustig und sieht es als Hobby, solche Filme zu drehen. So könne man das Handy auch kreativ einsetzen.

Ein neues Thema kommt auf – Mobbing per Fotos und Video. Persönliche Erfahrung mit solchen Dingen hat niemand, das kurzfristige Ärgern mit Aufnahmen kennen eigentlich alle, aber Mobbing ist hierfür wohl der falsche Begriff. Plötzlich meldet sich eine Schülerin, sie kenne einen Fall, in dem jemand zu bestimmtem Verhalten genötigt wurde, weil es angeblich bloßstellendes Bildmaterial gab. Weitere Einzelheiten will sie nicht erzählen. So etwas scheint eine derart große Ausnahme zu sein, dass selbst ihre Mitschüler überrascht sind.

Die letzte Klasse, mit der ich spreche, ist eine Abiturklasse aus dem sozialpädagogischen Bereich. Auch hier ist das Thema bekannt, allerdings eher aus der Ausbildung als aus dem eigene Umfeld. Es entsteht eine lebhafte Diskussion über die Ursachen des Missbrauchs der Videofunktion der Handys. Das soziale Umfeld spiele nach ihrer Einschätzung eine große Rolle, ebenso wie die gesunkene Hemmschwelle, alles zu filmen, weil die Dokumentationsserien im Fernsehen es vormachen. Man merkt den Schülern deutlich an, dass sie sich mehr Gedanken um das Thema machen, als die vorher Befragten.

Auch die Funktion des Handys und seine Inhalte werden als Statussymbole genannt und die Gruppendynamik, die Leute zum Hinschauen bringt, obwohl sie es eigentlich nicht sehen wollen. Das Handy wird von den Schülern lediglich als Mittel und nicht als Ursache eingeschätzt, womit sie wahrscheinlich recht haben.

Als Ergänzung der natürlich subjektiven Erfahrungen mit den Schüler kann nur eine repräsentative Studie genutzt werden. Die JIM-Studie 2008 (eine repräsentative Umfrage unter 1208 Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren) ermittelte, dass 84 Prozent diese Vorgänge kennen, 30 Prozent davon sogar aus dem Bekanntenkreis, aber nur sieben Prozent selber solche Filme schon einmal bekommen haben. Es handelt sich demnach um ein durchaus vorhandenes Problem, das es zu beobachten gilt.

Zusammenfassend entsteht nach den Besuchen folgender Eindruck:
Was früher auf den Schulhöfen erzählt und gelesen wurde, wird heute als Video gezeigt.

Jens Schmeling

Bildquelle:
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