Handysucht – ein Betroffener berichtet


Immer mehr Jugendliche leiden an Suchtkrankheiten. Zu den klassischen Erkrankungen wie Mager- und Spielsucht gesellt sich mit zunehmendem, heute nahezu flächendeckendem Handybesitz das so genannte „Mobile and Internet Dependency Syndrome“, kurz MAIDS. Ein ehemaliger Betroffener schildert medienbewusst.de seine Erfahrungen.

Dirk V.*, 20 Jahre, knabenhaft, lichtes Haar, sitzt entspannt auf der Couch und blättert in der ZEIT.

Ein junger Mann ohne Handy, in einem Wohnzimmer ohne Fernseher – wo bin ich hier gelandet?

Ich finde das ganz normal. Meine Eltern halten nichts vom Fernsehen, mir ist es egal.
Die Sache mit dem Handy gestaltet sich da schon komplizierter. Vor einigen Monaten wäre es noch undenkbar gewesen, dass ich hier so ruhig Zeitung lese. Da gab es nur das Handy – und sonst gar nichts.

Wie darf man sich das vorstellen?

Damals war ich versessen auf mein Handy. Das Mobiltelefon war mein ständiger Begleiter, mein bester Freund, mein Ein und Alles. Sich einfach mal hinzusetzen, das Handy beiseite zu legen und zu lesen, das wäre unmöglich gewesen. In dieser Zeit habe ich mich hauptsächlich um das Handy gekümmert. Der Blickkontakt zum Handy war immer vorhanden. Dadurch habe ich die Umgebung um mich herum kaum noch wahrgenommen. Selbst wenn ich mit Freunden weg war, galt das Handy als Mittelpunkt meiner Aufmerksamkeit.

Was hast du mit dem Handy die ganze Zeit gemacht?

Ich weiß nicht, wie viele Nachrichten ich jeden Tag geschrieben habe. Ganz zu schweigen vom dauernden Telefonieren. Wenn mir gar nichts einfiel, habe ich Spiele gespielt oder bin über das Handy ins Internet gegangen. Ich war versessen auf dieses Ding.

Gab es bei dieser Versessenheit auch körperliche Symptome?

Körperlich…nun ja, ich hatte keine zittrigen Hände oder Schweißausbrüche, wenn das Handy mal an die Ladestation musste. Aber es war immer eine gewisse Unruhe bzw. Anspannung da – und die Erleichterung groß, sobald ich es wieder in Händen halten konnte. Das mag lächerlich klingen, aber ich glaube, das Handy hatte in gewisser Weise Macht über mich.

Heute sitzt du entspannt vor mir und redest wie selbstverständlich über dieses Thema, wie kommt’s?

Ja, da gab es diesen Moment. Die ganzen Handyrechnungen und das Gerede meiner Eltern waren mir egal. Aber als mich meine Freundin vor die Wahl stellte – das Handy oder sie – ich zögerte, und sie mich verließ, da wurde mir schlagartig bewusst: Hier läuft etwas falsch!

Was hast du unternommen?

Ich habe mich zunächst online informiert und mich dann in eine Therapie begeben, und es hat mir wirklich geholfen.

Was rätst du anderen Jugendlichen, die sich in deiner Geschichte wiederentdecken?

Sobald das Gefühl da ist, keine Kontrolle mehr über die Handynutzung zu haben, sollte sich derjenige Rat suchen: Bei den Eltern, Freunden oder passenden Anlaufstellen und auch wenn es Überwindung kostet – es hilft!

medienbewusst.de bedankt sich bei Dirk V. für das Interview und wünscht weiterhin alles Gute.

*Name geändert, Anmerkung der Chefedaktion

Yves Naber

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