Wie entdecken 5- bis 12-jährige Kinder das Internet?

30. November 2008

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Viele Kinder sind schon online, obwohl sie noch nicht richtig lesen oder schreiben können. Studien, die das frühzeitige Onlineverhalten von Kindern vergleichbar untersuchen, gibt es wenige. Eine Untersuchung, die Kinder, Eltern und Lehrer zum Thema „Wie entdecken Kinder das Internet?“ befragt, gibt jedoch interessante Einblicke in die Beziehungen zwischen Kindern und ihren Wünschen im Internet.

Die Studie “Wie entdecken Kinder das Internet?” beschäftigt sich unter anderem mit den Lernumgebungen in der Schule und zu Hause, in denen Kinder den Umgang mit dem Internet kennenlernen. Außerdem stehen hierbei auch die Gefahren im Fokus, die bei der Internetnutzung bestehen können. Abrundet betrachtet die Studie weiterhin die Inhalte, die Kinder im Internet bevorzugt nutzen.

Internet an deutschen Schulen

Heute sind circa 42 Millionen deutsche Haushalte mit einem Breitbandanschluss versorgt. Im Gegensatz zu der sehr guten Medienausstattung von Haushalten erweist sich die technische Ausstattung der Schulen und sonstiger Lernorte als weniger gut. Auch im internationalen Vergleich schneidet Deutschland in diesem Punkt schlecht ab. Es herrscht ein Mangel an Programmen, die es den Lehrkräften ermöglichen, selbst Software oder Unterrichtsmaterialien zu erstellen. Deutschland ist nach der Studie PISA 2003 unter allen Industriestaaten das Land, in dem der Computer am seltensten als regelmäßiges Lerninstrument eingesetzt wird. Die Folge ist, dass Kinder und Jugendliche ihre, auf Informations- und Kommunikationstechnologien bezogenen, Fähigkeiten größtenteils eigenständig im außerschulischen Umfeld erwerben müssen.
Gleiches gilt für die Lehrpersonen. So ist es nicht verwunderlich, dass die Skepsis, mit der die deutschen Lehrkräfte dem Einsatz von neuen Medien gegenüberstehen, sehr hoch ist. Der Anteil der Skeptiker ist dreimal so groß wie im europäischen Durchschnitt, da deutsche Lehrkräfte ihre Computerkompetenzen insgesamt eher kritisch einschätzen.

Ob und in welcher Form Computer in Schulen eingesetzt werden, ist in erster Linie abhängig von den KultusministerInnen der Bundesländer. Wie es erfolgreich geht, zeigen einige hochrangige Länder aus den PISA Studien. In einigen Teilen Europas werden Schüler und Schülerinnen schon ab der ersten Klasse an Lerncomputer gesetzt. Der Umgang mit dem PC, und später dem Internet, wird im Lehrplan mit Rechnen und Schreiben gleichgesetzt. Die EU-Kommissarin Viviane Reding erklärt in der Presseerklärung „eLearning“ (2004-2006): „Die digitale Kompetenz, (…) enthält zunehmend die gleiche Bedeutung wie die Grundfertigkeiten Lesen, Schreiben und Rechnen. Diejenigen (…), die keine Möglichkeit zum Erwerb digitaler Kompetenz haben, sind stark von sozialer und beruflicher Ausgrenzung bedroht.“

Mit dem Einsatz von eLearning-Systemen stellt man sich als Kritiker ungewollt die Frage: Sind im eLearning-Zeitalter, wenn Kinder ihre Informationen mit Hilfe neuer Medien suchen und den Schullalltag in virtuellen Lernspielen verbringen, Lehrer nicht bald überflüssig? Trotz nicht selten noch fehlender Onlinekompetenz, lassen Schulen die Kinder und Jugendlichen nicht unbeaufsichtigt surfen. Lehrer nehmen also weiterhin ihre Aufsichtspflicht wahr und erstellen in den meisten Fällen so genannte Recherchepläne, nach denen die Schüler vorgehen.

Vermittlung von Medienkompetenz- Aufgabe der Eltern

Wenn in Deutschland die Schulen dem europäischen Trend hinterher hängen, sind die Eltern gefordert. Der private Mediengebrauch im jungen Alter hängt daher von der Geräteausgabe und den erzieherischen Freiheiten des elterlichen Haushalts ab. Nicht alle Eltern besitzen die finanziellen Mittel, um ihren Kindern daheim einen Computer bereitzustellen. Einige Kindergärten und Schulen, getrieben vom Sozialstaat und den PISA-Ergebnissen, reagieren und stellen Computer mit Onlineanschlüssen zur Verfügung – Tendenz steigend.

Auch Eltern wollen dabei sein, wenn ihr Kind das World Wide Web (WWW) erkundet und halten Blickkontakt, wenn das Kind schon eigenständig im Netz agieren kann. 45 Prozent der Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren werden von ihren Eltern in die Arbeit am Computer und dem Internet eingeführt. Bei Interesse des Kindes sitzt man geduldig nebeneinander vor dem Monitor und erklärt die grundlegenden Verhaltensweisen und Techniken. Passwörter und Zugangsdaten, die ein selbstständiges Arbeiten in Internet ermöglichen würden, werden aber – aus vielleicht gutem Grund – geheim gehalten.

Während 2003 51 Prozent der deutschen Kinder ab sechs Jahre zuhause einen Onlineanschluss besaßen, kannten diesen nur 26 Prozent. Im Alter von acht bis neun Jahren kannten die Technik bereits mehr Kinder. Die Onlinenutzung – mit den Eltern oder allein – stieg auf 39 Prozent. Ein Jahr später waren es dann schon 60 Prozent. Das Eintrittsalter von Kindern, ab dem sie das Internet größtenteils ohne fremde Hilfe besuchen, liegt also bei ungefähr zehn Jahren und nimmt fortan, mit steigendem Alter, überproportional zu. So kommt es, dass Kinder häufig besser im Umgang mit dem Computer sind als ihre Großeltern, deren Eintrittsalter wesentlich höher liegt.

Gefahren bei der Internetnutzung erkennen

Angst, dass ihr Schützling auf nicht jugendfreie oder jugendgefährdende Seiten gelangen könnte, zeigen Eltern nur selten. Hat man als externer Beobachter eine Vorstellung davon, welche Seiten und Inhalte Senioren, Erwachsene oder Jugendliche im WWW suchen und benutzen, so ist das bei Kindern nicht so leicht festzustellen.
Die Nutzung der Kinder beschränkt sich auf ein paar Seiten, sagen Eltern und Lehrer, und sind sich sicher, dass Pornografie im jungen Alter noch kein Problem darstellt. Kinder surfen nicht einfach drauf los, wie Erwachsene – auch wenn sie neugierig sind. In der Regel ist ihre Onlinesuche zielgerichtet und beschränkt sich auf vertraute Seiten, die von Eltern geöffnet werden.

Ein stets aktuelles aber häufig übertriebenes Thema ist die Onlinesucht und die damit wachsende Angst vieler Eltern, dass ihr Kind durch die übermäßige Nutzung des Computers von Freunden abgeschottet ist und keine anderen Interessen mehr entwickelt. Kritisiert wird auf dieser Seite die negativ eingestufte, ungehinderte Nutzung des Computers. Demgegenüber stehen Ergebnisse aus Umfragen, in denen Eltern angeben, dass sie ihren Kindern, wenn nicht aus Kostengründen, keinen zeitlichen Rahmen für die Computernutzung setzen. Weiterhin wird der Onlinesucht im jungen Alter kein so großes Potenzial gegeben, da durch Studien bestätigt wurde, dass die durchschnittliche Nutzungsdauer von Kindern im Alter unter zehn Jahren 30 bis 60 Minuten beträgt. Die meisten verlieren dann ihre Lust.

Was Kinder im Netz suchen?

Vordergründig beschäftigen sich Kinder während dieser Zeit mit Online-Spielen (49 Prozent). 25 Prozent dagegen suchen Informationen. Verblüffend ist, dass selbst vier Prozent Reservierungen vornehmen und einkaufen gehen. Zur Nutzung des Internets sagt eine deutsche Mutter: „Kinder nutzen das Internet, weil es – wie andere Medien – einfach da ist“.

E-Maildienste kommen bei Kindern erst zur Anwendung, wenn die Schüler besser lesen und schreiben können. Aber auch dann hält sich der Umfang dieses Dienstes in Grenzen, da sich die Nachrichten auf den Freundeskreis beschränken, welcher schneller telefonisch oder zu Fuß zu erreichen ist. In erster Linie wird eine E-Mailadresse genutzt, um sich auf Onlineportalen mit Login anmelden zu können. An dieser Stelle beginnt dann auch die Wirtschaft, sich für den Netzneuling zu interessieren.

Nicht nur die Betreiber einer Seite sammeln gerne die Daten der Kinder, wenn sie entsprechende Anmeldeformulare ausfüllen, sondern insbesondere die Werbewirtschaft. Cross-Media-Strategien der PR setzen ansprechende, grafische Pop-ups und Werbebanner ein, die sich in vielen Fällen nicht vom Inhalt der Onlineseite absetzen. Kinder können diese nicht unterscheiden, sehen lediglich ein Foto ihres Lieblingsfernsehstars oder Ähnliches, und nutzen sie dementsprechend häufig. Eltern können aber aufatmen, denn die stets zielgerichtete Suche eines Kindes wird in dem Moment unterbrochen, in dem sich eine neue, fremde Seite öffnet. Diese wird auch aus Sicht der Kinder schon als störend und verwirrend empfunden. Auf unbekannten Seiten bitten die Nachwuchs Webdesigner um elterliche Hilfe oder schließen das störende Fenster wieder, wenn sie das Gefühl haben ihr Ziel, z.B. ein Spiel, hier nicht zu erreichen.

Ab einem bestimmten Alter werden gewohnte Seiten langweilig und neue müssen her. Adressen neuer Onlineseiten entnehmen Kinder in den meisten Fällen durch den Austausch mit Freunden oder über andere Medien, wie Zeitschriften und Fernsehen. Dadurch besuchen Mädchen am häufigsten die privaten Onlineseiten von ihren „Popstars“, während bei Jungs eher die Hilfe zu PC-Spielen oder Sportergebnisse im Vordergrund stehen. Gleichermaßen beliebt sind die Onlineportale der Fernsehanstalten.
Die durchschnittliche Nutzungsdauer eines elf- bis zwölfjährigen Kindes beträgt pro Tag rund 1,6 Stunden. Mit zunehmendem Alter spielen nun auch die kommunikativen Anwendungen, wie E-Mail, Chat, und Instant Messaging eine deutlich wichtigere Rolle. Eltern nerven in diesem Umfeld nur, insbesondere wenn sie wichtige, die Privatsphäre betreffende Angelegenheiten, kontrollieren wollen. Ein Blick über die Schulter, wenn man gerade seiner neuen Flamme eine Nachricht schreibt oder mit der besten Freundin chattet wird selten als angenehm empfunden.
Kontrolle sollte aber dennoch vorhanden sein, um eine übermäßige Nutzung (mehr als zwei Stunden am Tag) eingrenzen zu können. Für den problemlosen Umgang mit kommunikativen Anwendungen oder Communities ist es wichtig, dass im Vorfeld wichtige Regeln im Umgang mit diesen besprochen werden und die Kinder auf mögliche Gefahren hingewiesen werden.

Kinder entwickeln ihre handlungsorientierten Fähigkeiten in der aktiven Auseinandersetzung mit dem Internet nur gemeinsam mit den Eltern in einer positiven Art und Weise.
Die analytischen Kompetenzen der Kinder sind noch nicht so weit ausgebildet, dass sie zwischen kommerziellen, medienpädagogischen und an Sach- oder Schulthemen orientierten Webseiten unterscheiden können. Für sie ist es wichtig, dass ihre Interessen auf den Webseiten wieder zu finden sind – vorwiegend heißt das: Unterhaltung und Spaß mit Spielen. Eltern sollten in diesem Zusammenhang entsprechende Seiten studieren und Kindern nur diese, zum Beispiel über entsprechende Lesezeichen, zur Verfügung stellen. Ein sicherer Umgang mit dem PC ist daher von Seiten der Eltern unersetzlich.

Die Vermittlung von Informations- und Kommunikationstechnologien, insbesondere dem Internet, sollte in keinem Fall allein den Schulen überlassen werden. Eltern sind gefordert sich zunächst selbst mit dem Thema zu befassen, um es dann gemeinsam mit den Kindern zu erfahren. Für den sicheren Umgang mit neuen Medien schaffen die zukünftigen Lehrpläne mehr Platz im Unterricht, jedoch ersetzen diese in keiner Weise die Erfahrungen, die Eltern und Kinder gemeinsam am Computer erleben.

Buchtipp: C. Feil, R. Decker, C.Gieger: Wie entdecken Kinder das Internet? (ISBN 3-8100-4227-7)
Onlinetipp: www.kindercampus.de

Jean-Pierre Papstein

Quellen:
C. Feil, R. Decker, C.Gieger: Wie entdecken Kinder das Internet? (1. Auflage  2004); ISBN 3-8100-4227-7
http://corp.aol.com/press_releases/2003/09/america-online-youth-wired-survey-finds-kids-are-online-average-four-days-wee
http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=337&Jump1=044.htm
http://www.tab.fzk.de/de/projekt/zusammenfassung/ab122.htm

Bildquelle:
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