Goodbye Ana – “denn ich will wieder lachen”

7. Juni 2009

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Anfang 2000 schwappte ein gefährlicher Trend von den USA nach Deutschland über. Im Internet treffen sich junge Menschen, um gemeinsam abzumagern. Die Inhalte dieser speziellen Abnehmseiten mögen auf den ersten Blick anziehend und erfolgversprechend wirken. Jedoch warnen Ärzte immer wieder davor, dass es dabei um gesundheitsbedrohlichen Gewichtsverlust geht und nicht um eine schöne Figur. Aber was macht den Reiz dieser Seiten aus und wie entkommt man ‚Ana‘?

„Man lässt dies und jenes an Essen weg, steigt auf die Waage und ist erfreut, dass man weniger wiegt. Weniger und immer weniger, aber was muss man dafür zahlen?“

Vier junge Mädchen (Namen abgeändert, Anm. d. Red.) erzählen von ihrem aufregenden Leben mit Ana und Mia. Hinter dem, was beim ersten Hören nach Kosenamen für Freundinnen klingt, verbergen sich zwei tödliche Krankheiten: Anorexia Nervosa – Magersucht – und Bulimia nervosa – Bulimie. In Deutschland leiden derzeit etwa 220.000 Menschen im Alter zwischen 15 und 24 Jahren an einer der beiden Essstörungen. Über die gefährlichen Folgen sind sich die meisten Betroffenen bewusst und nehmen sie als Preis der „Schönheit“ in Kauf.

Oberstes Ziel: Untergewicht
„Ich hatte schon sehr viele Erkrankungen wegen der ES (= Essstörung, Anm. d. Red.), aber spontan fällt mir ein, was ich öfter habe: Haarausfall, Herz-Rhythmusstörungen, Übelkeit und eine verletzte, schmerzende Speiseröhre“. Erschreckend nüchtern zählt die 14-jährige Hannah ihre Beschwerden auf, als wären sie ein kleines Übel für einen großen Gewinn. Gerade einmal 39 Kilogramm bringt sie auf die Waage. Bei einer Größe von 1,58 Metern bedeutet das einen Body Mass Index von 15,6 – Untergewicht. Aber genau das ist ihr Wunsch, denn unter den „Anas“ gilt erst ein BMI zwischen 14 und 15 als sexy und schlank, wogegen die zierliche Hannah sich nach diesen Maßstäben im normalen Bereich aufhält. Seit zweieinhalb Jahren leidet sie an Essstörungen. „Ich wollte immer die Dünnste sein“, gibt sie zu. Strikte Essensverbote und Abführmittel halfen ihr dabei.

Auch die 17-jährige Marie war schon lange unzufrieden mit ihrem Gewicht. Als sie das Angebot erhielt, zu modeln, war das für sie der Anstoß, ihre Ernährung radikal zu ändern. Den Hauptgrund für ihre Krankheit sieht sie allerdings in dem Abnabelungsprozess von ihrer stark übergewichtigen Mutter. Damit ist sie nicht allein, denn laut einer Studie von jugendschutz.net (2007) kommen viele Erkrankte aus Familien mit essgestörten Elternteilen. Marie erzählt, wie ihre Modelagentur den Entschluss, abzunehmen, noch bestärkte. „Sie meinten, ich solle mehr aufpassen und auf meine Hüften achten, mich aber gesund ernähren“. Den wichtigsten Punkt dieser Aussage, die Gesundheit, beachtete sie allerdings nicht. Stattdessen reduzierte sie die Nahrungszufuhr und bestrafte sich bei ‚Sünden’ durch gewolltes Erbrechen. Positive Resonanzen von Kunden auf ihre dünne Erscheinung ermunterten sie, noch mehr abzunehmen.

Anas glitzernde Welt
„Ich war mir immer im Klaren darüber, eine Essstörung zu haben. Ich fand den Gedanken toll, magersüchtig zu sein, denn dadurch fand ich mich besonders“. Durch ihre Suche nach neuen Informationen im Internet stieß sie auf so genannte „Pro-Ana“ Websites. Diese Onlineportale sind in der Regel von Erkrankten selbst erstellt und bieten neben umfangreichen Tricks zum Abnehmen und Hungern oftmals auch eine einladende Community für Gleichgesinnte. Bunte, glitzernde Schmetterlinge und graziöse Feen sind im Einklang mit den vorrangig zarten Farben der Webseiten – ein liebevolles Design, das vor allem junge Mädchen anspricht. Die meisten Betreiber sind sich darüber im Klaren, welche Gefahren sich auf ihren Homepages befinden, deshalb erscheint auf den Startseiten oft ein Begrüßungstext wie dieser:

„Diese Seite beschäftigt sich mit Essstörungen und Pro-Ana. Wenn du dich damit nicht identifizierst, solltest du die Seite besser verlassen. Ich möchte niemanden hier mit reinziehen, da es sich um eine gefährliche Essstörung handelt, an der man sterben kann.”

Aber für viele neugierige Mädchenaugen scheint das keine Barriere, sondern vielmehr einen zusätzlichen Reiz darzustellen. Das künstlerisch gestaltete Layout, die Bilder von Elfen und Blumen – das kann doch nicht gefährlich sein. Die Aufnahme in Pro-Ana Foren ist oft durch strikte Kriterien, wie in etwa den Nachweis über eine bereits fortgeschrittene Essstörung, erschwert. Dadurch wird eine Exklusivität vermittelt, die für viele Jugendliche besonders reizvoll wirkt.

Hannah, Marie und auch die 19-jährige Julia sind sich sicher, dass kein Unbeteiligter, der sich zufällig auf diese Webseiten verirrt, plötzlich aus dem Nichts heraus einen Anreiz zum Abnehmen findet und „pro-ana“ wird. „Ich denke, wenn der Gedanke ans Abnehmen noch nicht da ist, reagiert man eher erschrocken auf die Inhalte der Seiten“, meint Marie. Tatsächlich können solche Portale oft ein Weg in die Krankheit sein. Unzufriedenheit oder ein mangelndes Selbstbewusstsein können in Einzelfällen Gesunde zur Magersucht verleiten, da in den Motivationstexten Erfolg, Schönheit und Glücklichsein als Folge von hohem Gewichtsverlust suggeriert wird.

Foren – Gefahr und Hilfe zugleich?
Dass die Aktivität in Pro-Ana Diskussionsforen die Essstörungen verschlimmert und die Einstellung zu ihr bestärkt, da sind sich die drei jungen Frauen sicher. Durch das Führen und Kommentieren von Gewichtstagebüchern, den Austausch von Tipps zum Abnehmen und Verstecken der Krankheit sowie eine von den Betreibern erwünschte regelmäßig aktive Teilnahme entstehen Freundschaften, die sowohl Bindung an das Forum und auch Magersucht noch verstärken. „Dort erfährt man Zusammenhalt, Hilfe, füreinander da sein”, erklärt Hannah. Wie sie haben auch Marie und Julia den Kontakt zu anderen Erkrankten genossen. Den Reiz der Gemeinschaft machte für Marie vor allem die Motivation durch die Community aus. So eine Gruppendynamik kann gefährlich werden, wenn es zum Konkurrenzkampf unter den Mitgliedern kommt. Außerdem erschwert die Zuneigung und Ermutigung der Online-Freunde vielen Mädchen den Ausstieg aus der Krankheit.

Im wahren Leben ist es schwer, offen mit der Essstörung umzugehen. „Keiner geht auf die Straße und sagt: Hey, ich bin magersüchtig, ich suche jetzt eine Freundin die mich versteht”, stellt Julia für sich fest. Die Flucht in die virtuelle Welt erleichtert die Suche nach Gleichgesinnten. „Ich wusste, sie sind in derselben besonderen Welt wie ich gefangen und wir konnten gemeinsam über den normalen Menschen stehen, weil wir stärker waren“, schildert Marie. Für sie war es jedes Mal erleichternd, ihre quälenden Gedanken über die Tastatur loszuwerden. Man kann es sich wie eine eingeschworene Gemeinschaft vorstellen – Alle für eine, eine für alle! Sie nehmen sich gegenseitig in Schutz und verteidigen ihre Foren, obwohl sie wissen, wie ihre Krankheit durch die Webseiten noch verstärkt wird. Mitarbeiter der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter betonen jedoch, dass es vielen „Pro-Anas“ ohne die Foren schlechter gehen würde, denn sie bieten oft einen Weg aus Isolation und Scham. Die Mädchen fühlen sich falsch verstanden durch eine „verzerrte Darstellung“ der Pro-Ana Bewegung in den Medien. Forenbetreiber und Mitglieder betonen, sie wollen niemanden zu der Krankheit motivieren. „Man entschließt sich in dem Forum, nicht mehr gegen die Magersucht anzukämpfen. Alle sind schon krank, da kommt es nicht mehr drauf an, ob man noch kranker wird“, beschreibt Julia den Hintergrund der Abnehmunterstützung in der Community.

“Wir wollen leben!”
Sie und Marie haben sich dazu entschlossen, die Magersucht zu bekämpfen. Beide erzählen von dem schlechten Gewissen ihren Familien gegenüber. Julia hatte schon lange das Gefühl, ihre Familie hätte es nicht verdient, eine Tochter zu haben, die nur Kummer bereitet. Depressionen sind eine häufige Begleiterscheinung von ständigem Hungern. Auch Marie ist damit in Berührung gekommen und nahm es als Anreiz, den Abnehmkreislauf zu durchbrechen. “Ich wusste, dass das kleine Mädchen in mir einfach wieder lachen wollte“.

Julia erfuhr den Einfluss der Gemeinschaft in Pro-Ana Foren und machte sich dieses Wissen zu Nutze, um ein sogenanntes Recovery-Forum zu gründen (engl. recovery = Rettung, Regeneration). Zusammen mit anderen „Aussteigern“ versucht die 19-jährige, Ana den Rücken zuzukehren. „Wir wollen leben!“ steht quer über dem Bildnis einer schönen, normal gewichtigen Frau, dem Banner des Forums. Mit 15 Mitgliedern ist es zwar noch überschaubar, aber die Beteiligten schätzen die familiäre Atmosphäre und vor allem Julias Erfahrungen aus ihrer Therapie, die sie mit anderen teilt und damit Erfolge erzielt. Marie und Hannah befinden sich ebenfalls in Behandlung, aber Hannah ist nicht freiwillig dort, denn sie will nicht gesund werden. Für die Menschen im Umkreis ist es schwer, mit der Krankheit umzugehen. Julia berichtet: „Das ist das Schlimme für die Angehörigen – man kann nichts tun. Es muss leider von selbst ‚klick‘ machen“. Überstürztes Handeln ist unangebracht, helfen kann im Gegensatz dazu das Gefühl, nicht allein zu sein.

Marita Völker-Albert von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt Eltern, die mitbekommen, dass ihr Kind auf solchen Seiten aktiv ist, sofort das Gespräch mit ihm aufzusuchen. „Verbote helfen nicht. Zeigt ein junger Mensch bereits gewisse Anzeichen einer Essstörung, wie übersteigertes Auseinandersetzen mit dem eigenen Körpergewicht, Unzufriedenheit mit dem Aussehen, Diäten oder Gewichtsverluste, so sollten die Eltern zusammen mit ihrem Kind eine Beratungsstelle aufsuchen“, rät sie.

Anzeichen einer möglichen Erkrankung Hilfe für Betroffene/Umgang mit Betroffenen
  • drastische Gewichtsabnahme in kurzer Zeit
  • Rückzugsverhalten
  • depressiv anmutende Verstimmungen
  • extrem langsames Essen
  • Essen extrem heißer oder kalter Mahlzeiten
  • vorgetäuschtes Essen
  • er/sie setzt sich freiwillig Kälte aus
  • Heimlichtuerei über Aktivitäten im Internet
  • geschwächte, erschöpfte Erscheinung
  • Aufmerksamkeit im Gespräch vermitteln
  • Beistand/Unterstützung deutlich machen
  • Vermeiden von Vorwürfen, Schuldzuweisungen
  • nicht zum Essen zwingen
  • zu einem Beratungsgespräch ermutigen
  • Fördern von langsamem, behutsamem Essen
    Hilfreiche Internetseiten:
    www.bzga-essstoerungen.de
    www.kinder-psych.de

Marie und Julia blicken optimistisch in die Zukunft. Beide meiden die Pro-Ana Webseiten und weitgehend alles, was sie zu Rückfällen reizen könnte. Es scheint, dass sie sich auf dem richtigen Weg befinden und mit diesem traurigen Lebensabschnitt abschließen möchten. Was Julia sich für die Zukunft wünscht? „Dass viele weitere den Weg zurück ins Leben gehen. Es lohnt sich!”

Ines Beier

Quellen:
http://www.kinder-psych.de
http://www.fsm.de/de/Recht_und_Psychologie
http://bzga-essstoerungen.de/essstoerungen/magersucht/index.htm
Bildquelle:
privat

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