(Daten-) Eigentum verpflichtet

31. Juli 2009

pc_surf.jpg

Knapp vier Millionen Kinder in Deutschland bewegen sich Tag für Tag im Internet. Sie hinterlassen dabei in den meisten Fällen ihre digitalen Spuren, geben Vertrauliches im Netz preis, ohne sich dessen bewusst zu sein. Achtloser Umgang mit persönlichen Daten kann auch für sie gefährlich sein. medienbewusst.de fand eine für die Internetnutzung nicht ganz typische, aber vorbildliche Familie, die Gefahren des Datenmissbrauchs relativ einfach umgeht.

Auf einem Kissen im Wohnzimmer hat es sich Susann (Name geändert, Foto ist keine Abbildung des Kindes, Anm. d. Red.) im Schneidersitz bequem gemacht. Vor ihr auf dem niedrigen eckigen Couchtisch steht der Laptop ihrer Mutter. Das quer durch das Zimmer liegende Verbindungskabel lässt erahnen, wofür sie ihn gerade nutzt. Wie sie surfen bereits 50 Prozent der Kinder ihrer Altersgruppe im Netz, zwei Drittel davon mindestens einmal pro Woche, so wie Susann. Das fand der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MPFS) in seiner renommierten Kinder-und-Medien-Studie (KIM) 2008 heraus. Informatikunterricht in der Schule hat die 8-Jährige noch nicht, dennoch bewegt sie sich souverän und zielstrebig mit der Maus über Webseiten und Programme. Da auf diesem Arbeitslaptop keine Lesezeichen speziell für sie eingerichtet sind, hangelt sie sich über die Suchmaschine zu ihrem wichtigsten Kommunikationsmittel, schülerVZ – VZ steht dabei für Verzeichnis. Vor allem chatte sie hier und finde Bekannte von Freunden, zu denen sie mehr erfahren möchte. Viel preisgegeben hat Susann hier nicht: Geburtstag, Schule und Wohnort. Ansonsten seien einige Daten laut der Surferin weniger Ernst zu nehmen, zum Beispiel, was zu ihren Interessen zu lesen ist. SchülerVZ biete außerdem die Sicherheit, dass der Zugang nur möglich ist, wenn man von Mitgliedern im Netzwerk über E-Mail eingeladen wird. So war es auch bei ihr, verrät Susann. Zusätzlich hat sie ihr Profil so eingestellt, dass es nicht für alle Mitglieder sichtbar ist: „Eigentlich können nur meine Freunde meine Sachen sehen“, sagt sie. Die Studie bescheinigt auch, dass bei einem Viertel der Kinder, die persönliche Informationen im Internet hinterlegt haben, jeder Internetnutzer diese Daten einsehen kann. Drei Viertel gaben an, dass nur die eigenen Freunde Zugriff auf diese Informationen haben. Den Begriff „Freund“ definierten die Befragten Kinder jedoch sehr unterschiedlich. Viele bezeichneten hiermit auch Bekannte, die sie im Internet erst kennen lernten.

Susann erzählt, dass sie im früher auf der Seite des „Toggo Treff“ angemeldet war. „Aber da geh ich meistens nicht mehr hin, jetzt habe ich ja eigentlich SchülerVZ, erklärt sie. So, wie sie es sagt, lässt sich ein einfacher Grund dafür vermuten: „Will man angesagt bleiben, muss man da mitmachen, wo auch die Freunde mitmachen“. Die vom Fernsehsender SuperRTL geführte Online-Community „toggo.de“ verlangt nicht viele Daten für die Registrierung, lediglich einen so genannten „Nickname“, ein erdachtes Passwort und das Geburtsdatum. Zur Versendung der Zugangsdaten verlangt toggo.de jedoch die E-Mail-Adresse und somit Einverständniserklärung der Eltern. Kinder selbst können hier also gar keine digitalen Spuren hinterlassen, die für andere verwertbar wären. Diese Anonymität birgt allerdings auch Gefahren. Erwachsene können sich unter falschen Angaben ebenso anmelden, chatten, Freunde hinzufügen und an anderer Toggomitglieder über die eigene Toggo-Adresse e-mailen.

„Manchmal schaue ich auch auf ‘youtube‘ oder ‘myvideo‘“. Damit liegt Susann im übrigen voll im Trend, wie es die KIM ausweist. Als Lieblingsseite gaben hier acht Prozent der sechs bis 13-jährigen Kinder in Deutschland  „Youtube“ an. Danach nannten sie unter ihren liebsten Seiten die Onlinewelt toggo.de, gefolgt von jeweils fünf Prozent, die sich am liebsten bei der Online-Community „SchülerVZ“ und Seiten mit Onlinespielen aufhalten. Letzteres macht auch Susann gern. Am liebsten gehe sie auf „www.spielaffe.de“. Das ist ein Portal des Spieleherstellers und Anbieters „KaiserGames GmbH“ mit über 3000 Flash-Spielen verschiedenster Genres. Persönliche Daten werden hier nirgends abgefragt. Auffallend sind allerdings Banner auf dieser Website, die für Erwachsenen-Computerspiele werben. Nicht nur diese bedeuten potenzielle Gefahr. Auch dreiste und fadenscheinige Gewinnspiele der Erwachsenenwelt machen in der Regel vor Kindern nicht halt.

„Für gewöhnlich klicke ich auch keine Spieleseiten an, die ich nicht kenne. Solche Sachen hat mir meine Mutti verboten“, erklärt Susann stolz, während ihre Mutter durch die Wohnung geht. Meistens sei sie in der zu Hause, wenn ihre Tochter abends an ihren Laptop geht. „Etwa eine halbe Stunde darf sie am Tag“, verrät die alleinerziehende Mutter, Sylvia S., „jedoch sitze ich nicht immer daneben. Susann ist auch häufig bei meinen Eltern im Internet, wo auch keiner daneben sitzt.“ Die Mutter habe ihr Schritt für Schritt gezeigt, was sie darf, welche Seiten sie aufmachen kann und an Beispielen vorgemacht, wie Sie auf bestimmte ungewünschte Seiten reagieren soll. „Besonders, wenn dann so was da steht wie, dass man sich anmelden oder bestimmte Programme runterladen muss und so weiter. Das darf sie nur wenn ich dabei bin“, sagt sie. Spezielle kindgerechte oder Sicherheitssoftware oder Vorkehrungen hat Sylvia S. nicht auf ihrem Laptop, den sie auch für die Arbeit nutzt. Doch sie erkennt, wie wichtig es ist, ihre Tochter nicht mit dem Internet alleine zu lassen sondern sie zu begleiten. Dazu gehören wie in diesem Fall, nicht nur Verbote. Eltern und Lehrer sollten den Kindern auch erzieherisch zeigen, was das Internet geeignetes für sie bietet. Der verantwortungsvolle und sparsame Umgang mit persönlichen Daten im Internet spielt dabei dennoch eine wichtige Rolle. „Immer wieder geben Kinder ihre Telefonnummern bekannt und auch die volle Adresse. Man muss sie über die Gefahren aufklären und sie immer wieder darauf hinweisen, das nicht zu tun“, findet auch Journalistin Annette Bäßler vom Online-Newsportal sowieso.de. Für sie sei dies eine größere Gefahr, als dass die Kinder einmal aus Versehen auf eine Seite mit sexuellen Inhalten kämen.

Christian Kowitz

Bildquelle:
© Phototom – Fotolia.com

Ähnliche Beiträge