“Pornografisierung” in deutschen Kinderzimmern?

14. Dezember 2009

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Kürzlich wurde das neueste Album von Rammstein „Liebe ist für alle da“ indiziert. Aufsehen erregte die Rockband vor allem mit ihrem Musikvideo „Pussy“, welches explizite Sexszenen enthält und daher zensiert wurde. Selbst die neue gekürzte Version des Videos bleibt umstritten. Für viele Kritiker gehört sie immer noch zu einer langen Reihe von pornografischem Material, das Kinder und Jugendliche im Internet oft schneller und einfacher sehen können als viele Eltern glauben. Welche möglichen Auswirkungen hat das aber auf die jungen Nutzer?

Aus der KIM-Studie vom Medienpädagogischen Forschungsverband Südwest geht hervor, dass in den vergangenen Jahren die Anzahl der 6 bis 13-Jährigen, die Zugang zu einem Computer mit Internetanschluss hatten, stetig gewachsen ist. Beispielsweise lag der Internetnutzugsanteil bei der ältesten Gruppe, den 12 bis 13-Jährigen, bei 86 Prozent. Problematisch ist vor allem, dass der Anteil derjenigen Kinder, die ohne Beisein der Eltern im Internet surfen, sehr hoch ist. Viele Eltern sind mit dem Medium „Internet“ wenig vertraut und verlieren den Überblick angesichts der vielfältigen, teils anstößigen Inhalte, denen die Jugendlichen gerade in diesen prägenden Jahren ausgesetzt sind.

Umstrittene Inhalte des Internets

Laut der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien sind 80 Prozent der Indizierungsanträge, mit denen sie sich im Internetbereich befasst, pornografischer Natur. Immer öfter handelt es sich bei dem Material um Pornografie, in der Gewaltanwendungen mit dem Geschlechtsakt verknüpft sind. Aber auch „einfache“ Pornografie ist losgelöst von Liebe und Zärtlichkeit. Sex wird hierbei als Selbstzweck dargestellt, als reiner Akt der Kopulation, ohne Bezüge zur emotionalen Ebene herzustellen. Ähnliche Aspekte einer Definition beinhalten auch die „Kriterien für die Aufsicht im Rundfunk und in den Telemedien“ der Kommission für Jugendschutz, wobei sie von einem strafrechtlichen Pornografiebegriff ausgeht.

Die Leichtigkeit, mit der auch Minderjährige die unterschiedlichsten Spielarten der Sexualität im Internet zu Gesicht bekommen können, mag erschrecken. Oft reicht es, wenn sie entsprechende Begriffe in eine Suchmaschine eingeben. Altersverifikationen fehlen häufig. Im Internet herrscht eine Art Anarchie, denn für die Betreiber pornografischer Seiten gilt das Recht ihres jeweiligen Landes, obwohl Internetnutzer aus der ganzen Welt auf diese Seite zugreifen können. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass mehrere Studien erwiesen haben, dass viele Kinder im Alter von elf bis 13 Jahren ersten Kontakt mit Pornografie haben. Ein nicht unerheblicher Teil davon ist ungewollt. Andrea Urban, Leiterin des Jugendschutzes Niedersachsen, bringt heutige Verhältnisse auf den Punkt: „Pornografische Inhalte sind Bestandteil der Mediensozialisation von Kindern und Jugendlichen.“

Mögliche Auswirkungen von Pornografie

Wie sich eine solche Mediensozialisation auswirkt, bleibt aber umstritten. Es gibt nur wenige Studien zu dem Einfluss von Pornografie im Allgemeinen und auf Kinder und Jugendliche im Besonderen. Das dürfte nicht überraschen. Kinder etwa gezielt dem Pornografiekonsum auszusetzen, um Auswirkungen zu erforschen, wäre unverantwortlich. In der Wissenschaft gibt es verschiedene Auffassungen zur Wirkung von Pornografie. Eine Meinung besteht beispielsweise darin, dass pornografisches Material eine Bereicherung für das Sexualleben der Konsumenten ermöglichen und deren Aggressionspotenzial senken kann. Michael Flood schrieb 2007 in einem Beitrag im australischen Journal of Sociology, zu den diskutierten positiven Eigenschaften zähle beispielsweise, dass Pornografie einschränkende sexuelle Normen infrage stellt. Kritiker sind hingegen der Ansicht, dass sich Pornografie vor allem schädigend auf das Frauenbild auswirken und die Gewaltbereitschaft gegenüber Frauen erhöhen kann.

Bei beiden Auffassungen ist jedoch zu beachten, dass Medienwirkung niemals monokausal ist. Das bedeutet, dass positive wie negative Folgen von Pornografiekonsum erstens nicht zwangsläufig sein müssen und zweitens nicht nur eine einzige Ursache haben. Zu dieser Meinung kam auch Flood in Zusammenarbeit mit dem australischen Wissenschaftler Clive Hamilton. Als andere Einflussfaktoren für mögliche negative Entwicklungen führten sie das soziale und kulturelle Umfeld der Konsumenten an. Ähnlich stellt die Hamburger Sexualforscherin Hertha Richter-Appelt die Bedeutung des familiären Kontextes heraus. In einem Welt-Interview sagte sie: „Wenn ein Kind mit Pornografie aufwächst, kann dies Folgen auf seine eigene Sexualität haben – aber nur, wenn es beziehungslos aufwächst, wenn es keine Bestätigung, keine Zuneigung, keine Zärtlichkeit erfährt.“ Petra Grimm, Kommunikationswissenschaftlerin und Dekanin der Fakultät Electronic Media der Stuttgarter Hochschule der Medien, verneinte Oktober diesen Jahres auf den Münchener Medientagen ebenfalls eine monokausale Wirkung von pornografischem Material.

Sie sprach jedoch eine andere Problematik an: „Kinder werden durch Pornografie mit Dingen konfrontiert, die sie – aufgrund ihrer noch nicht vorhandenen sexuellen Erfahrung – noch nicht einordnen können: Sie wissen nicht, ob das Gezeigte der Realität entspricht.“ Ähnlich sieht es auch der Sexualwissenschaftler Andreas Hill: „Jugendliche befinden sich in einer Lernphase, das sieht man am Umgang mit Mode, Musik etc. und das betrifft auch Anregungen durch Pornografie.“ Eine mögliche Gefahr für Kinder und Jugendliche besteht für ihn vor allem in der leichten Zugänglichkeit. Gewaltpornografie birgt daher das Risiko, dass Kinder und Jugendliche denken, Gewalt und Erniedrigung gehörten zur Pornografie dazu. Ohne dieses spezielle Forschungsfeld zu generalisieren, scheint eine ähnliche Wirkung aus vielen anderen Feldern jedoch bekannt zu sein. „Man weiß aus der Medienforschung insgesamt, dass die Dinge, die man häufig sieht, zur Normalität werden“, so Hill zum Thema in einem SWR-Artikel.

Letzteres könnte etwa im Hinblick auf Langzeitwirkungen stimmen. So sind für Hans-Bernd Brosius, Dekan der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig Maximilians Universität München, unter anderem die „Kultivierungsaspekte“ bedenklich: „Unsere Studien haben ergeben, dass sich bei Menschen, die regelmäßig Pornografie konsumieren, die Vorstellungen von Partnerschaft im realen Leben verändern.“

Brutalisierung des Geschlechtsverkehrs?

Ein Trend im Sexualverhalten Jugendlicher, der in den letzten Jahren festzustellen ist und von Sozialpädagogen bestätigt wurde, besteht in immer extremeren Sexualpraktiken, die kleine Gruppen an den Tag legen. Gruppensex oder das Nachahmen „harter“ sexueller Praktiken, wie sie in Pornofilmen gezeigt werden, sind für diese Jugendlichen nichts Neues. Die Debatte zur sexuellen Verwahrlosung, wie sie in der vergangenen Zeit in den Medien stattgefunden hat, suggeriert allerdings ein falsches Bild, da dieses Minderheitenphänomen oftmals als allgemeiner Trend vermittelt wird. Nicht zu Unrecht hat der Leipziger Sexualforscher Kurt Starke diese Debatte als „Sensationsmache“ bezeichnet.

Maria Samantha Schwarz
Tilman Queitsch

Quellen:
– Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (Jahrestagung 2005)
Die Indizierung von Internetangeboten: Petra Meier (BPJM Aktuell 4⁄2005)
– Interview mit Andrea Urban, Leiterin der Landesstelle Jugendschutz:
Gangbang beim ersten Mal? Pornografie und Jugendsexualität
http://www.jugendschutz-niedersachsen.de/Importe/pdf/urban-pornografie.pdf
– Erik Möller: Wirkung von Pornographie auf Jugendliche (Vortrag)
– Flood, M. (2007): Exposure to pornography among youth in Australia. In: Journal of Sociology, Mar 2007; vol. 43: pp. 45-60.
– Kommission für Jugendmedienschutz der Landesmedienanstalten:
http://www.kjm-online.de/de/pub/jugendschutz_in_telemedien/beurteilungsmassstaebe.cfm
– Hilmar Liebsch: Die neue Verwahrlosung? Porno-Kids (SWR Fernsehen)
– Anita Heiliger: Zur Pornographisierung des Internets und Wirkungen auf Jugendliche. Aktuelle internationale Studien
In: Zeitschrift. für Frauenforschung 1+2⁄2005, S. 131–140
http://www.spass-oder-gewalt.de/doku/textethema_pdf/pornographisierung_des_internets.pdf
– Eva Eusterhus: Die „Generation Porno“ in der Hansestadt („Welt“- Interview)
– Fiedler, P. (2008). Jung, attraktiv, asexuell. Gehirn und Geist, 7 (4), 47–55.
– Ralf Schönball: Wenn Sex das Leben von Kindern bestimmt (erschienen auf tagesspiegel.de)
– http://www.heise.de/newsticker/meldung/Medientage-Sexuelle-Verwahrlosung-durch-Online-Pornos-845363.html

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