„Internetsüchtige nicht über einen Kamm scheren“

30. Januar 2010

Der Diplom-Psychologe Kai Müller ist seit März 2008 Mitarbeiter in der Ambulanz für Spielsucht der Universitätsklinik Mainz, die sich auch mit Internetsucht beschäftigt. In seiner Forschung geht es vorrangig um Risikofaktoren. Aber auch die Diagnose – ob überhaupt ein spielsüchtiges Verhalten vorliegt, wie stark dieses ausgeprägt oder was die beste Behandlungsmöglichkeit ist – gehört zu seinen Aufgaben. medienbewusst.de sprach sich mit ihm über das Thema ‘Internetsucht’.

Wie ist die Ambulanz für Spielsucht entstanden?

m__llerkai.JPGDie Ambulanz ist ein Teil der Kompetenzzentrums für Verhaltenssucht. Das ist das übergeordnete Netzwerk. Es beschäftigt sich mit vielen Verhaltenssüchten, zum Beispiel auch mit Kauf-, Sport-, Glücksspielsucht und so weiter. Das Kompetenzzentrum hat vor einigen Jahren eine Telefonhotline eingerichtet, auf der sich Betroffene mit Glücksspielsucht anonym telefonisch beraten lassen konnten. Bei der Auswertung dieser Beratungen wurde festgestellt, dass sich viele Betroffene und Angehörige gemeldet haben, die mit Computer und Internet suchtartigen Umgang pflegen. So war der Bedarf erkennbar und deshalb wurde die Ambulanz für Spielsucht ins Leben gerufen.

Ab wann gilt eine Person als süchtig und speziell als internetsüchtig?

Da gibt es standardisierte Kriterien. Ein Kriterium ist die starke gedankliche Beschäftigung zum Beispiel mit dem Spiel, dass vor dem geistigen Auge plötzlich Spielszenen auftauchen und sich derjenige in das Spiel hineingezogen fühlt. Ein anderer Punkt sind Entzugserscheinungen, wie beispielsweise eine innere Unruhe, Reizbarkeit oder auch depressive Verstimmungen. Die Betroffenen opfern dann immer mehr Energie und Zeit für ihr Suchtverhalten, das soziale Netz wird vernachlässigt.

Welche Altersgruppen sind speziell von Internetsucht betroffen?

Man muss differenzieren, ‘Internetsucht’ ist ein Suchtüberbegriff. Er kann sich auf eine ganze Reihe von vielen verschiedenen internetbezogenen Anwendungen beziehen. Es kann sich um Internetglücksspielsucht handeln, da gibt es genug Onlinekasinos im Netz. Es kann sich beziehen auf ganz banale Rechercheportale, das sind Leute, die exzessiv nach Informationen suchen, es kann sich um Internetsexangebote, Onlinecommunities oder Onlinecomputerspiele handeln. Wenn wir im Bereich der Onlinecomputerspiele bleiben, dann sind die Hauptbetroffenen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren. Auch bei jüngeren mit zwölf oder 13 Jahren liegt das größte Suchtpotential bei Onlinecomputerspielen. Allerdings ist hier das richtige Suchtverhalten noch nicht so ausgeprägt, da spricht man ganz häufig nur von missbräuchlichem Verhalten. Das ist eine Vorstufe von der richtigen Sucht und Abhängigkeitserkrankung.

Wer wendet sich im Normalfall an Sie?

Das ist abhängig von der Altersklasse. Wenn die Betroffenen unter dem 18. Lebensjahr sind, also die Jugendlichen noch zu Hause wohnen, dann melden sich überwiegend die Eltern oder Erziehungsberechtigten. Bei älteren Betroffenen ist es so, dass die Krankheitseinsicht oder das Problembewusstsein schon viel stärker ausgeprägt ist, die wenden sich persönlich an uns.

Warum, glauben Sie, wird jemand internetsüchtig?

Wir forschen noch sehr viel an Risikofaktoren, auch um Präventionsprogramme zu entwickeln. Gerade für den Bereich der Onlinespielesucht und Internetsucht insgesamt hat es sich erwiesen, dass es schon ein Risikofaktor ist, männlich zu sein. Männer und Jungen sind deutlich häufiger betroffen als Frauen und Mädchen. Ein anderer wichtiger Punkt ist eine stark ausgeprägte Schüchternheit beziehungsweise soziale Unsicherheit. Das haben wir bei unseren Patienten sehr häufig, dass sie sich im sozialen Miteinander als wenig kompetent erleben und sich sehr wenig zutrauen.

Was raten sie Betroffenen und Angehörigen?

Da kommt es darauf an, wie ausgeprägt das Suchtverhalten schon ist. Wenn es in die Richtung des riskanten Internetkonsums geht, können die Eltern von sich aus noch regulierend eingreifen, mit vereinbarten Nutzungszeiten beispielsweise. Sie sollten auch auf alternative Verhaltensweisen achten, wie beispielsweise das Engagement im Tischtennisverein oder Verabredungen mit Freunden. Diese sollen nicht aufgegeben werden, so kommt es nicht zu einer starken Isolation hinsichtlich des PCs. Wenn das Suchtverhalten schon stärker ausgeprägt ist, raten wir immer dazu, entweder eine Therapie zu machen oder Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen und auf diese Art und Weise das süchtige Verhalten wieder in normale Bahnen zu lenken.

Wie kann man sich eine Therapie in Mainz vorstellen?

Wir haben ein zweistufiges Therapiedesign, welches zum einen aus einem gruppentherapeutischen und zum anderen aus einem einzeltherapeutischen Angebot besteht. In der Gruppentherapie sitzen sechs bis acht Patienten mit zwei Therapeuten in 20 Sitzungen zusammen. Das muss man sich als eine Art Crashkurs in Sachen ‘Sucht’ vorstellen. Die Patienten erfahren im Rahmen der Gruppentherapie, was süchtiges Verhalten auslösen kann, was es aufrechterhält, warum gerade sie süchtig geworden sind, wo ihre persönlichen Problemlagen liegen und wie sie mit einem Rückfall umgehen können. Zur Ergänzung gibt es für jeden Patienten noch die klassische Einzeltherapie, in der individuell an der Suchtproblematik, an Hintergrundfaktoren gearbeitet wird, die man nicht vor den anderen in der Gruppentherapie ausbreiten möchte.

Ab wann gilt jemand als “geheilt”?

Da spricht man unter Psychologen von “austherapiert”. Da kommt es auf die individuellen Therapieziele an. Es gibt welche, die eine vollständige Abstinenz fordern. Bei vielen ist es so, dass sie kein Überengagement im Spiel wollen, sondern konkrete Zeiten einhalten können und die Kontrolle über ihr Spielen zurückgewinnen. Je nachdem, zu welchem Grad die Therapieziele erreicht werden, kann man von einer erfolgreichen Therapie sprechen oder eben nicht. Unser Ziel ist aber natürlich nicht, dass die Leute ihren PC oder das Internet nicht mehr benutzen. Wir schauen vor der Therapie ganz genau, wo die Problemlagen des jeweiligen Patienten liegen, zu welcher Internetanwendung er einen suchtartigen Umgang pflegt.

Können Sie sagen, wie groß die Rückfallquote ist?

Dazu gibt es noch gar keine Untersuchung. Wir waren die erste Einrichtung, die in diese Richtung ein Angebot bereitgestellt hat. Man kann nur Aussagen über Therapieerfolge und Rückfallquoten treffen, wenn man die Patienten zwei Jahre nach Behandlungsabschluss nochmals befragt. Wir haben unmittelbar nach Abschluss der Therapie geschaut, wie sich die Patienten entwickelt haben und wie es zu dem Zeitpunkt mit dem Therapieerfolg aussieht. Da waren alle Patienten, die von Stunde eins bis zum Ende durchgehalten haben, austherapiert. Bei jeder Gruppentherapie ist es aber so, dass wir zwei Patienten “verlieren”, diese die Therapie also abbrechen.

medienbewusst.de bedankt sich bei Kai Müller für das Gespräch und wünscht ihm und der Ambulanz für Spielsucht weiterhin viel Erfolg.

Christine Döllner

Bildquelle:
Portraitfoto zur Verf. gestellt v. Kai Müller; Alle damit verbundenen Rechte sind dem Urheber vorbehalten.

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