Medienpsychologe Manfred Spitzer: “Medien sind ein Dosierungsproblem”

10. August 2010

Der Tagesablauf der meisten Kinder ähnelt sich: Aufstehen, Schule, Mittagessen, Hausaufgaben und danach Fernsehen oder Computerspielen solange es Mama oder Papa erlauben. Wie schädlich der intensive Konsum von Bildschirmmedien für die Heranwachsenden ist, untersucht Professor Manfred Spitzer. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Lernen und Gehirnforschung. medienbewusst.de befragte den studierten Mediziner und Psychologen zur Internetnutzung.

Fernsehen und PC werden als neue Lernmedien von unterschiedlichen Seiten angepriesen. Vor allem im Internet wird verschiedenes Material, teils kostenpflichtig, angeboten. Wie stehen Sie dazu? Kaufen Sie Ihren Kindern z.B. Lernsoftware?

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Ich finde, dass man die Dinge differenziert betrachten muss. Als damals das Fernsehen eingeführt wurde war dies verknüpft mit der Hoffnung, dass durch dieses neue Medium die ganze Welt kulturell gebildet würde. Wie wir alle wissen, hat das nicht funktioniert. Fernsehen kann zwar ein Bildungsmedium sein, wenn man aber die Breitenwirkung des tatsächlich stattfindenden Fernsehkonsums von durchschnittlich dreieinhalb Stunden anschaut, fällt die Bewertung eher kritisch aus.

Bei Computern ist das leider genauso. Es gibt Studien die zeigen, dass ein Computer dem Schulerfolg abträglich ist. Für Lernsoftware gibt es einen riesigen Markt, das Angebot taugt jedoch meist wenig. Gerade Kinder und Jugendliche merken sofort, wenn ihnen durch ein bisschen oberflächlichen Spaß Inhalte vermittelt werden sollen.

Auch Lehrerinnen und Lehrer greifen auf Filmmaterial in den Unterrichtsstunden zurück. Ist das empfehlenswert?

Ich weiß von Biologielehrern, dass sie meine Sendungen, die der Bildungskanal des Bayrischen Rundfunks „BR-alpha“ ausstrahlt, für den Unterricht verwenden. Eine kurze Einführung, dann die 15-minütige Sendung zu einem bestimmten Thema und hinterher wird noch darüber diskutiert. Beispielsweise wissenschaftliche Daten genauer angeschaut. Ich bin da zufrieden, kann zeigen das Wissenschaft Spaß macht und weiterbringt.

Das Lernen und die Gehirnentwicklung von Kindern sind ein zentrales Thema Ihrer Arbeit. Wie sieht ihrer Meinung nach das perfekte Umfeld für ein lernendes Kind aus?

Das ist ganz einfach. Als erstes muss man darauf achten, dass die Kinder Spaß haben. Dass die Mutter nicht von einer Veranstaltung zur nächsten den Taxifahrer spielt und man sich im Stau gegenseitig angiftet. Das zweite ist eine natürliche Umgebung, z.B. im Wald, Sandkasten oder am Strand. Da ist für jeden was dabei. Ob man zusammen im Sand rummatscht oder ob man komplizierte Gebäude baut. Man kann auf jeden Fall etwas lernen und seine Kreativität ausprobieren, egal wie alt man ist. Bei bestimmten Spielzeugen ist immer das Problem, dass es für einige Kinder zu einfach oder zu kompliziert ist und sich das Kind dann langweilt. In der freien Natur kann das praktisch nicht geschehen.

Worin sehen Sie die schwerwiegendsten Fehler in der Erziehung und speziell in der Medienerziehung?

Die Medien sind ein Dosierungsproblem. Wir wissen, dass es kaum einen Jungen gibt, der an der Playstation Vokabeln lernt. Die Kinder werden viel zu früh an die Medien herangeführt und damit verführt, alles Mögliche mit ihnen zu machen. Sex and Crime für Zehnjährige, das sollte nicht sein! Ebenso, dass Kinder und Jugendliche mehr Zeit vor Bildschirmmedien verbringen (ca. 5 Stunden täglich) als in der Schule (ca. 4 Stunden täglich). Was sie vor Bildschirmmedien lernen, ist ballern, sich gegenseitig auszutricksen, allerlei Kleinkriminalität und Gewalt. Sie stumpfen ab.

In Ihrem Buch „Vorsicht Bildschirm!“ schreiben Sie, dass das Internet den Jungen mehr schadet als Mädchen. Wie kommen Sie zu diesem Entschluss?

Das ist kein Entschluss von mir, das weiß man. Jungen sind von ihrer seelischen Verfassung so, dass sie auf alles reagieren was saust, sie sind risikobereiter. Sie sind auch diejenigen, die sich im Internet durch die Levels ballern. Mädchen sind durch ihre natürlichen Vorlieben für Soziales und Sprache geschützter.

Gewalt ist für Kinder und Jugendliche täglich im Internet erreichbar. Worin sehen Sie die Gefahren für Heranwachsende? Spielen hierbei Online-Rollenspiele eine gesonderte Rolle?

Online-Rollenspiele sind noch nicht gut untersucht. Aber man weiß, dass die Beschäftigung mit Gewalt zu mehr Gewalttätigkeit führt. Das zeigen sehr viele methodisch sauber durchgeführte Studien. Die Effekte sind bei Älteren und bei Jüngeren, bei Mädchen und Jungen sowie bei gewaltbereiten und primär nicht so sehr gewaltbereiten Menschen nachweisbar.

Gerade für Jugendliche ist es wichtig bei Freunden und Schulkameraden mithalten zu können. Schließen wir unsere Kinder nicht automatisch aus wenn wir ihnen Fernsehen, PC und Internet verbieten oder auf ein Minimum reduzieren?

Das ist ein gefährliches Argument. In der Nazizeit gab es auch sehr viele Mitläufer. Denen damals werfen wir es vor, aber heute sollen wir jeden Unfug mitmachen ohne darüber nachzudenken. Das finde ich wirklich sehr bedenklich!

Außerdem ist diese Behauptung faktisch falsch. Man kann zeigen, dass diejenigen die viel im Netz unterwegs sind, mehr soziale Probleme haben als diejenigen, die weniger im Netz sind. Dieses “Sie machen ihr Kind zum Außenseiter wenn sie es nicht vor die Medien hocken.”, ist falsch. Das Gegenteil gilt: Medien können der Entwicklung eines gesunden Sozialverhaltens sehr schaden.

medienbewusst.de bedankt sich bei Professor Manfred Spitzer für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg bei der wissenschaftlichen Arbeit.

Christine Döllner

Bildquelle: © Renee Jansoa – Fotolia.com
Portraitfoto zur Verf. gestellt v. Manfred Spitzer

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Kommentare

Ein Kommentar zum Artikel “Medienpsychologe Manfred Spitzer: “Medien sind ein Dosierungsproblem””

  1. MasterMick am 17. März 2011

    Schade, dass nicht kritisch nachgefragt wird.

    Herr Spitzer argumentiert oft monokausal. Mit einem Satz wie “Man kann zeigen, dass diejenigen die viel im Netz unterwegs sind, mehr soziale Probleme haben als diejenigen, die weniger im Netz sind” impliziert er, dass die sozialen Probleme eines Jugendlichen ihre Ursache in der ausgedehnten Nutzung des Internets hat. Dies ist viel zu eng gedacht. Hier spielen etliche weitere Faktoren mit hinein. Und außerdem: Wer sagt denn, dass es nicht sogar umgekehrt ist: Vielleicht stehen ja die fehlenden sozialen Kontakte am Anfang – und erst daraus resultiert die verstärkte Internetnutzung? Ähnlich monokausal gedacht, aber auch ähnlich auf den ersten Blick einleuchtend.

    Kurz: Mit Stammtischparolen (“Elektronische Bildschirm-Medien – Fernsehen und Computer – machen dumm, dick und gewalttätig.”, S. 45, “Vorsicht Bildschirm”) kommt man auch in der Medienerziehung nicht weit!

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