Lernen mit Blogs und Wikis?!

4. August 2011

Wikipedia-Autoren als aller Welt diskutieren ab heute in der israelischen Stadt Haifa über die Zukunft des Nachschlagewerks und beraten über die künftige Sicherstellung inhaltlich korrekter Einträge. Wie aber kann das Bewusstsein für Social Software, wie Wikis, Blogs und E-Portfolios, schon früh geschult und ein Umgang mit diesen in den Lernalltag integriert werden, um die gewissenhafte und richtige Anwendung derselben auch in Zukunft gewährleisten zu können? Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachgebiet Kommunikationswissenschaft an der TU Ilmenau, forscht Marcel Kirchner zum Einsatz von Social Software im Bildungskontext von Schulen, Hochschulen und Unternehmen und spricht mit medienbewusst.de unter anderem über deren Nutzen für Schüler und Unterricht.

Herr Kirchner, wie funktioniert Lernen mit Social Software?

Zwei Punkte spielen eine wichtige Rolle: Vernetzung und Öffentlichkeit. Ich schrieb z.B. zusammen mit meinem Kommilitonen Thomas Bernhardt einen Blog während meiner Diplomarbeit. Blogger mit ähnlicher Materie wurden auf uns aufmerksam, kommentierten und gaben uns hilfreiche Tipps, während wir auch von anderen Blogs in dem entstehenden Netzwerk lernten. Aber das ist nur ein Anwendungskontext. Das Fachwort hierzu ist Konnektivismus.

Aber Social Software nützt nicht nur beim Schreiben von Diplomarbeiten. Welche Kompetenzen fördert das Lernen mit Social Software, auch im Hinblick auf jüngere Nutzer?

Vor allem die Medienkompetenz beim Umgang mit dem Internet. Wie schreibe ich Blogs? Wie binde ich ein vorhandenes Video oder eine Grafik ein, setze sie in Bezug zum Geschriebenen oder produziere und gestalte diese Medien selbst passend zum Inhalt. Es geht aber nicht nur um Blogs. Auch der Umgang mit anderen Webanwendungen  kann erlernt werden. Ich denke da an Wikipedia als ständig „wachsendes“ Nachschlagewerk, an dem sich jeder beteiligen kann z.B. durch Artikel, die gemeinsam im Schulunterricht erstellt werden, oder an Homepage-Tools wie Jimdo und Protopage, mit denen ich eine fertige, multimediale Webseite z.B. zu einem Literatur- oder Geschichts-Thema sehr einfach nach meinen Wünschen zusammenstellen kann.

Was konkret können Schüler tun, wenn sie in die Welt der Social Software eintauchen wollten?

Sinnvoll für den Anfang sind zum Beispiel Gruppenblogs. Teilweise gibt es das schon in der Grundschule. Jeder Schüler hat dann einen Zugang und der Lehrer kann diese entsprechend kontrollieren. Dann können alle Schüler Unterrichtsstoff oder kreative Inhalte bloggen. Die bekannteste Software  hierfür ist WordPress. Die Fortgeschrittenen können sich auch an Klassen-Wikis versuchen. Darin könnte man Klassenfahrten vorbereiten oder Lektüresammlungen zusammenstellen. Weniger empfehlenswert ist Media-Wiki für den Einstieg, da es zu kompliziert ist. Besser wäre z.B. Wikispaces, weil man über einen Editor direkt Einstellungen vornehmen und in ein Formular schreiben kann, ohne dass man eine Wiki-Sprache erlernen muss. Spannend finde ich auch Podcasts, also Audio- oder Videobeiträge, beispielsweise für den Englischunterricht zum Lernen von Vokabeln.

Worauf müssen Schüler achten, wenn sie Social Software verwenden wollen?

Die Öffentlichkeit ist neben den oben beschriebenen Vorteilen auch gleichzeitig das größte Problem. Es kann wirklich jeder lesen, was ich schreibe und einstelle. Ich muss also den Schülern gleich am Anfang vermitteln, dass beispielsweise freizügige Partybilder, Beleidigungen oder gegenseitiges Mobbing im Netz, wie auch im täglichen Leben, tabu sind. Der Lehrer hat den Auftrag, die Schüler darüber von Beginn an aufzuklären. Konstruktiver Umgang und Feedback sind hier besonders wichtig.

Sind Schüler überhaupt selbstständig genug, um zu bloggen?

Ja. Spannende Klassenfahrten zu dokumentieren, klappt zum Beispiel gut. Sonst würde ich Blogs eher in den höheren Stufen empfehlen. Aber ungesteuert funktioniert der Einsatz von Social Software oft nicht, die Schüler brauchen Impulse. Zum Beispiel kann man sie regelmäßig Protokolle oder Reflexionen des Unterrichts  erstellen lassen oder man holt einen Experten, der die Blogs kritisch kommentiert.

medienbewusst.de bedankt sich bei Marcel Kirchner für das Interview und wünscht viel Erfolg für die Zukunft.

Joel Stoy

Bildquellen:
Porträtfoto zur Verf. gestellt v. Marcel Kirchner
© throwthedamnthing – flickr.com

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Kommentare

8 Kommentare zum Artikel “Lernen mit Blogs und Wikis?!”

  1. M. Ebert am 5. August 2011

    Das hört sich alles super an. Problem ist nur: Die Umsetzung! Mein Kind ist jetzt in der 6. Klasse. Und erst JETZT fängt man dort so langsam an, die Kids an den Computer zu gewöhnen. Meines Erachtens nach viel zu spät.

    Und genau das ist auch das Problem in Deutschland. Mann muss sich doch nur mal an einer ganz gewöhnlichen Schule umschauen. Da hat man manchmal das Gefühl, man wäre noch in den 90ern (was die Computerausstattung anbetrifft). Und vom Lehrpersonal möchte ich erst gar nicht anfangen zu reden.

    Mein Sohn hat mir letztens erzählt, dass seine Lehrerin der Klasse nicht einmal richtig erklären konnte, wie man mit Google nach bestimmten Dokumententypen sucht. Da stelle ich mir doch die Frage: Ist das heutige Lehrpersonal überhaupt dazu in der Lage, die oben genannten Möglichkeiten des Internets für die Bildung unserer Kinder zu nutzen…?

  2. Eine Lehrerin am 5. August 2011

    Jetzt aber mal bitte nicht alle Lehrer in einen Topf werfen!

  3. Daniel am 5. August 2011

    Ehrlich gesagt finde ich den ganzen Medien-Hype in der Schule etwas übertrieben. Bleibt da überhaupt noch genug Zeit, den Kindern die wirklich wichtigen Sachen zu lehren? Kann mir auch gut vorstellen, dass das soziale Miteinander unter den Schülern durch diese ganzen Internetsachen auf der Strecke bleibt. Eine Gruppenarbeit im wahren Leben ist doch sicherlich etwas anderes, als eine Gruppenarbeit im Internet. Oder sehe ich das falsch?

  4. M. Bregulla am 5. August 2011

    Sehr geehrter Herr Kirchner,

    es gibt auch für MediaWiki WYSIWYG-Editoren. Wenn Sie sich für das Schulprojekt der Wikimedia oder das Thema "Schule 2.0" von Frau Melanie Unbekannt interessieren, können Sie mich gerne kontaktieren.

    Mit freundlichen Grüßen
    M. Bregulla

    Folgende Links sind vielleicht für Sie interessant zu dem Thema:
    * Schule 2.0 zum Nachmachen: http://blog.twoonix.com/2011/07/wikipedia-sommerc
    * WMD Schulprojekt: http://blog.twoonix.com/2010/10/wikipedia-schulpr
    * WYSIWYG-Editor: http://blog.twoonix.com/2010/11/wissenswert-wir-s
    * Liste der Editoren: http://www.wiki4enterprise.org/index.php/WYSIWYG#

  5. M. Bregulla am 5. August 2011

    Hallo Marcel,

    MediaWiki bietet sich halt an, da es die gleiche Methodik nutzt wie Wikipedia und man in der Gruppe dann die gleichen oder ähnliche Kompetenzen üben kann, wie man sie später bei Wikipedia auch hat – es geht da um das "Erleben" von Medienkompetenz – nicht nur "Erzählen" wie es wäre, was ja mein Hauptkritikpunkt an Schule 1.0 ist.

    1.0 ist wahnsinnig ineffektives Lernen, am Ende kann man keine 5% von dem was man gelernt hat, anwendungsgerecht wiedergeben.

    Und deswegen finde ich, dass es da eigentlich nur ein Tool geben kann, was den Schüler auch gleich mit der Medienkompetenz am real gelebten Objekt zusammenbringt.

    So hat man wenigsten noch ein klein wenig von Schule 1.0 hinübergerettet – nämlich, dass Lernen schmerzt.

    Martin

  6. Melanie am 8. August 2011

    Hallo in die Runde,
    zunächst einmal stimme ich der "eine Lehrerin" zu. Man sollte nicht immer generalisieren. In der bundesrepublikanischen Schullandschaft gibt es einige Sternchen am Himmel, die sich eben nicht den neuen Medien verschließen, sondern tolle Projekte auf die Beine stellen. Leider ist dies nicht an jeder Schule möglich aus den verschiedensten Gründen… Dennoch sollte man nicht schwarz sehen, sondern positiv denken und wenn möglich eben diese gute Ideen in die Öffentlichkeit tragen, damit es Nachahmer gibt und sich eben im deutschen Bildungssystem etwas dreht.
    Zum Einen treffen sich Bildungsbegeisterte 2mal jährlich auf dem Educamp und zum anderen gibt es Startups, die sich dem Bildungsbereich widmen, um eben einen Wandel voranzutreiben und die Angst vor dem Internet und den neuen Werkzeugen zu nehmen. Wie Martin schon berichtete, entwickelt die Twoonix Software GmbH einen leicht bedienbaren Editor für die MediaWiki Software. Im Pilotprojket mit einer Berliner Schule haben die Schüler die Potenziale des Wikis genutzt und verschiedene Unterrichtsprojekte mit dem "Twoonix Education Wiki", welches sogar Geogebra integriert hatte, umgesetzt.
    Ähnlich wie bei jeder herkömmlichen Unterrichtsplanung muss man sich auich bei den neuen Medien überlegen, was ist Ziel der Unterrichtseinheit und mit welchen Medien kommen meine Schüler zum Ziel. Man sollte sich auch immer bewusst sein, dass ein Buch/ Lexikon oder die Wandtafel die gleiche Berechtigung haben wie ein Wiki oder ein Blog oder all die anderen Webtools. Jedoch bringt jedes Medium etwas spezifisches mit sich, was man dann entsprechend zum Vorteil der Schüler nutzt. Grundsätzlich sollte man als Lehrer aber allem Neuen aufgeschlossen sein, denn wir leben im Hier und Heute und nicht in den vergangenen 20 Jahren als der PC noch ein Elitewerkzeug war. Mittlerweile ist der PC ein Alltagsgegenstand in nahezu 98% der dt. Haushalte. Ergo sollte sich die Schule darauf einstellen und den Schülern entsprechend den Umgang mit ALLEN Medien vermitteln.

  7. Marcel am 5. August 2011

    Lieber Herr Bregulla,

    ich habe schon Einiges über das Projekt von Melanie gelesen und finde es großartig! Ich hoffe sie wird dazu auf dem nächsten EduCamp in Bielefeld (http://educamp.mixxt.de) auch noch eine Session halten. Deshalb hatte ich oben auch die Erstellung von Wikipedia-Artikeln im Schulunterricht erwähnt und wollte Melanie schon bitten, ob sie nicht ihr Projekt als Kommentar hier erwähnen könnte. Also vielen Dank für die Links!

    Es sollte keine grundsätzliche Kritik am MediaWiki sein, nur für einen ersten aktiven Einstieg in die Wiki-Welt empfand ich es bisher als etwas aufwändiger, da man zusätzliche Hilfsprogramme für eine erleichterte Editor-Arbeit installieren musste, die nicht jedem bekannt sind. Dass es auch für MediaWiki tolle WYSIWYG-Editoren z.B. über twoonix gibt, finde ich klasse und begrüße das Arbeiten damit sehr!

    Beste Grüße
    Marcel Kirchner

  8. Melanie am 9. August 2011

    Hallo in die Runde,

    zunächst einmal stimme ich der "eine Lehrerin" zu. Man sollte nicht immer generalisieren. In der bundesrepublikanischen Schullandschaft gibt es einige Sternchen am Himmel, die sich eben nicht den neuen Medien verschließen, sondern tolle Projekte auf die Beine stellen. Leider ist dies nicht an jeder Schule möglich aus den verschiedensten Gründen… Dennoch sollte man nicht schwarz sehen, sondern positiv denken und wenn möglich eben diese gute Ideen in die Öffentlichkeit tragen, damit es Nachahmer gibt und sich eben im deutschen Bildungssystem etwas dreht. Zum Einen treffen sich Bildungsbegeisterte 2mal jährlich auf dem Educamp und zum anderen gibt es Startups, die sich dem Bildungsbereich widmen, um eben einen Wandel voranzutreiben und die Angst vor dem Internet und den neuen Werkzeugen zu nehmen. Wie Martin schon berichtete, entwickelt die Twoonix Software GmbH einen leicht bedienbaren Editor für die MediaWiki Software. Im Pilotprojket mit einer Berliner Schule haben die Schüler die Potenziale des Wikis genutzt und verschiedene Unterrichtsprojekte mit dem "Twoonix Education Wiki", welches sogar Geogebra integriert hatte, umgesetzt.
    Ähnlich wie bei jeder herkömmlichen Unterrichtsplanung muss man sich auich bei den neuen Medien überlegen, was ist Ziel der Unterrichtseinheit und mit welchen Medien kommen meine Schüler zum Ziel. Man sollte sich auch immer bewusst sein, dass ein Buch/ Lexikon oder die Wandtafel die gleiche Berechtigung haben wie ein Wiki oder ein Blog oder all die anderen Webtools. Jedoch bringt jedes Medium etwas spezifisches mit sich, was man dann entsprechend zum Vorteil der Schüler nutzt. Grundsätzlich sollte man als Lehrer aber allem Neuen aufgeschlossen sein, denn wir leben im Hier und Heute und nicht in den vergangenen 20 Jahren als der PC noch ein Elitewerkzeug war. Mittlerweile ist der PC ein Alltagsgegenstand in nahezu 98% der dt. Haushalte. Ergo sollte sich die Schule darauf einstellen und den Schülern entsprechend den Umgang mit ALLEN Medien vermitteln.

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