“Kinder machen Kurzfilm”

4. März 2011

Jedes Jahr haben zirka 30 Schüler aus verschiedenen Grundschulen Berlins die Möglichkeit an der Aktion „Kinder machen Kurzfilm“ teilzunehmen. Durch einen Schreibwettbewerb mit anschließendem Drehbuch- und Produktionsworkshop kreieren die Kinder einen eigenen Kurzfilm, der dann auf dem internationalen Kinder und Jugend Kurzfilmfestival (KUKI) Premiere feiert. medienbewusst.de hat mit der Projektleiterin, Gabriela Zorn, über das Projekt gesprochen.

Wie ist die Aktion „Kinder machen Kurzfilm“ entstanden?

Die Idee entstand im Jahre 2005 und zwar in Zusammenhang mit dem interfilmfestival. Da gab es Leute, die sich gedacht haben, warum nicht mal was praktisches mit Kindern machen. So kam es zum ersten Mal zustande, dass die Workshop ins Leben gerufen wurden, also erst mal ein reiner Produktionsworkshop. Dort entstand dann ein Remake aus einem Animationsfilm, der im Vorjahr auf dem interfilmfestival lief.

Und im Jahr darauf, da bin ich dann zu dem Projekt gestoßen, denn dann ging es darum, dass man die Kinder breiter akquirieren könnte und wie man das machen kann. Zum ersten mal kamen dann auch die Schulen mit dazu und der Schreibwettbewerb. Es war meine Idee, dass man einen Schreibwettbewerb machen könnte, damit die Kinder auch wirklich die Geschichte liefern, die notwendig ist für den Film. Von Jahr zu Jahr wurde es dann eigentlich größer und hat sich ausgeweitet, zu einem mittlerweile schon relativ großen Projekt.

Was sind die Ziele des Projekts, was soll den Kindern vermittelt werden?

Also das Projekt besteht ja aus mehreren Phasen. Es gibt, wie gesagt, einen Schreibwettbewerb mit anschließendem Drehbuchworkshop und dann einen Produktionsworkshop. Das heißt in der ersten Phase, also im Schreibwettbewerb gehen wir in die Schulen, erzählen den Kindern etwas zum Thema Kurzfilm, wie schreibt man filmische Geschichten, die für einen Film als Vorlage dienen können. Das geht dann weiter bis zum Drehbuchworkshop, bei dem dann eine Auswahl aller beteiligten Schulen, an der Geschichte, die gewonnen hat und von der Fachjury ausgewählt wurde, arbeitet. Die Geschichte wird hier weiter zum Drehbuch geschrieben.

In dieser ersten Phase ist Schreib- und Lesekompetenz ein wichtiger Punkt, aber eben auch im Bereich Medien: Wie schreibt man filmisch, was ist der Unterschied zwischen einer fiktionalen Geschichte im Lesebuch und im Drehbuch? Dann lernen die Kinder natürlich noch, wie man mit Medien umgeht, also die praktische Filmarbeit. Außerdem kommt noch dazu, dass wir soziale Kompetenzen stark fördern möchten. Das Projekt hat einen sehr großen Migrationsgedanken, da wir an verschiedenen Berliner Schulen in verschiedenen Bezirken sind und hier Kinder zusammen kommen, die normalerweise nicht zusammen kommen würden.

Wie werden die Schulen denn ausgewählt? Kann man sich als Schule bewerben oder sind das immer die gleichen?

Nein, es sind nicht immer die gleichen. Am Anfang war es so, dass ich viel telefoniert und das Projekt praktisch vorgestellt habe, also mit dem Direktor gesprochen oder den jeweiligen Fachlehrern. Mittlerweile ist es so, dass sich Schulen von alleine melden und sich interessiert zeigen. Im letzten Jahr haben wir begonnen mit einem anderen Projekt zusammenzuarbeiten, das an einen Verein gekoppelt ist, dem LIFE e.V.. Dort gibt es eine Plattform  für eLearning, also das sogenannte ‘eXplorarium’ und die haben Partnerschulen, an denen die Kurse im Rahmen dieser Plattform angeboten und dann von Dozenten durchgeführt werden. Es können sich aber auch Schulen bei uns bewerben.

Und die Kinder, die dann in den Workshops arbeiten, wie werden die ausgewählt? Welche  Kriterien müssen sie erfüllen?

Es ist so, dass wir versuchen den Wettbewerbsgedanken so weit wie möglich raus zu halten, was beim Schreibwettbewerb, wie der Name schon sagt, natürlich nicht geht. Aber die Kinder können sich, wenn wir die Schulen besuchen, dann in Listen eintragen. Das heißt, wenn sie Lust haben am Drehbuchworkshop teilzunehmen, können sie sich dafür anmelden. Genauso ist es auch bei der Produktion. Wir versuchen den Kindern schon gerecht zu werden, da das aber immer ganz viele sind, muss dann das Los entscheiden. Außer bei den Autoren deren Geschichte gewonnen hat, die sind auf jeden Fall dabei.

Wo denken sie, liegen die größten Schwierigkeiten bei der Filmarbeit mit Kindern?

Also ich glaube es ist so, dass manche Kinder tatsächlich Vorstellung haben, die nicht unbedingt realistisch sind. Das heißt viele denken gerade im Schauspielbereich: ‘ich stell mich mal da hin und spiele und das ist ja ganz einfach’. Das ist es in der Regel nicht. Wenn die Kinder das dann merken, sind sie erst mal erschrocken. Aber eigentlich kann ich von richtig großen Schwierigkeiten nicht sprechen. Die Kinder sind sehr neugierig, was sie nunmal ausmacht und sind dann auch ganz schnell bei der Sache. Es ist auch nicht so, als hätten sie Probleme dran zu bleiben. Sie haben eine ganz niedrige Fluktuation. Der Workshop findet ja auch außerhalb der Schulzeit, also in den Herbstferien statt. Es sind an die 100 Prozent der Kinder jeden Tag da und sie bleiben dem Projekt auch treu. Das ist wirklich etwas, das beinahe nur Film leisten kann, nämlich diese Teamarbeit zu fördern. Wir kümmern uns da sehr intensiv und außerdem arbeiten die Kinder mit sehr hochwertiger Technik. Es ist eine spannende Herausforderung. Was manchmal schwierig ist, sind die Vorstellungen, die die Kinder haben, die dann aber bereits während der Arbeit relativiert werden.

Gehen denn die Kinder eher ängstlich an die Sache ran oder voller Tatendrang?

Das kann man nicht pauschal sagen, das kommt auf den Typ an. Also es gibt ruhigere Kinder und Kinder, die sind sehr forsch und sofort dabei. Interessanterweise schätzen sich ganz viele ganz richtig ein, in dem sie sich bei Abteilungen bewerben, die ihnen eher zusagen. Außer in Sachen Schauspiel, da hat man eben manchmal das Gefühl, die Kinder haben eine ganz falsche Vorstellung. Beim ‘Ressort Kamera’ dagegen merkt man, dass sie auch Interesse daran haben und eigentlich immer bei der Sache sind. Natürlich brauchen sie auch Pausen und sind schnell genervt, wenn Szenen nochmal gemacht werden müssen. Dadurch, dass aber so eine Abteilung immer aus vier bis sechs Kindern besteht, ist das in Ordnung. Außerdem haben wir auch nochmal eine Abteilung, die sich Dokuabteilung nennt. Da können die Kinder selber, immer im Wechsel, ein Making-of von der Produktion machen. Das bedeutet, dass alle Kinder auch mal als Dokuteam unterwegs sind und die anderen Kinder in ihren Abteilungen interviewen.

Inwieweit werden die Lehrer der ausgewählten Klassen in den Prozess mit einbezogen?

Es ist so, dass die Lehrer das ein bisschen selber entscheiden können. Es gibt sehr engagierte Lehrer, die sind auch beim Schreibwettbewerb teilweise sehr stark mit dabei und stehen in regem Kontakt mit uns. Nach den Schulbesuchen betreuen sie zwar den Schreibwettbewerb auch weiter, sind aber bei den Workshops eigentlich nicht mehr dabei. Es gibt aber auch Lehrer, die sagen, sie möchten das gerne mal sehen und den Workshop besuchen. Wer sich mehr einbringen möchte, kann das gerne tun, aber alles auf freiwilliger Basis.

Bis wann sind die Kinder in den Prozess integriert? Endet das mit dem Produktionsworkshop oder haben die Kinder beispielsweise noch Anteil an der Distribution?

Daran haben sie keinen Anteil und auch leider noch nicht an der Postproduktion, also am Schnitt. Die Kinder sind so zwischen zehn und zwölf und Schnitt ist ein sehr langwieriger Job, der dann auch schwierig nachzuvollziehen ist. Wir sind ein bisschen am Überlegen, weil wir immer versuchen das Projekt zu perfektionieren und weiterzuentwickeln, wie Kinder in die Grundlagen des Rohschnitts miteinbezogen werden können. Da ist es aber sicherlich so, dass wir das nicht mit der großen Gruppe von 30  Kindern machen können. Es ist ein bisschen kompliziert, weil wir auch nach dem letzten Drehtag und vor der Premiere relativ wenig Zeit haben. Das liegt daran, dass die Herbstferien immer festgelegt sind und dass das Festival KUKI meistens maximal zwei Wochen später ist. Da soll der Film dann ja schon laufen, also zur Eröffnung als Premiere. Das Zeitmanagement ist also etwas problematisch.

Auf der Website steht, dass ein wichtiger Punkt von „Kinder machen Kurzfilm“ die Förderung von Medienkompetenz ist. Warum ist diese denn in unserer heutigen Zeit Ihrer Meinung nach so wichtig?

Ich denke, weil wir von Medien umgeben sind und Kinder natürlich momentan viel schnelllebiger damit aufwachsen, als das jemals der Fall war. Auch neue Medien spielen hier eine große Rolle. Uns geht es vorrangig darum, dass ein erwachsener Mensch, der sich mit Medien beschäftigt und sich einen entsprechenden Beruf ausgesucht hat, bestimmte Dinge weitergeben sollte. Man sollte zeigen, wie man kritisch mit den Medien umgeht und ich glaube, wenn man Medien nutzt, muss man sie auch ein Stück weit verstehen, nicht alle technischen Details, sondern bestimmte Strukturen kennen. Und das kann man eben am besten, wenn man selber auch mal damit arbeitet und Dinge ausprobiert. Gerade im Bereich Film ist meine Erfahrung, dass Kinder bestimmte Sehgewohnheiten haben, die durch schnelle Schnitte etc. geprägt sind. Das ist zwar völlig legitim, aber man sollte einfach zeigen, was für ein Effekt dahinter steckt. Das ist nämlich oft genau, was Kinder gar nicht beschreiben können. Deswegen denke ich, dass solche Projekte, wie wir sie machen, stark fördern kritischer damit umzugehen, um vor allem auch die künstlerische Umsetzung wertschätzen zu können.

medienbewusst.de bedankt sich bei Gabriela Zorn für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg!

Svenja Tödter

Bildquelle: © Foto zur Verf. gestellt von Gabriela Zorn

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