Der Intelligenzindikator Musik

15. März 2009

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Platon: „Die Erziehung zur Musik ist von höchster Wichtigkeit, weil Rhythmus und Harmonie machtvoll in das Innerste der Seele dringen.“ Heinrich von Kleist: „Ich betrachte die Musik als die Wurzel aller übrigen Künste.“ Friedrich Nietzsche: „Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum.“ An diesen Zitaten dreier berühmter und intelligenter Menschen kann man erkennen, dass Musik in jedem Zeitalter eine besondere Rolle im Leben der Menschen gespielt hat. Wissenschaftlich fundiert waren diese Aussprüche damals noch nicht. Wenn man sie allerdings mit den Ergebnissen des heutigen Wissensstandes vergleicht, ergeben sich Parallelen.

Musik ist hilfreich in allen Lebenslagen
Für den Forscher Howard Gardner ist Musik eine der wichtigsten Teilintelligenzen der Menschen. Er muss es wissen, denn Gardner entwickelte die Intelligenztheorie, in der auch emotionale und soziale Fähigkeiten berücksichtigt werden. Etwas Ähnliches stellte Hans Günther Bastian 2000 in der nach ihm benannten Studie fest: Musik hilft Kindern bei ihrer sozialen Kompetenz und Reflexionsfähigkeit, sowie bei ihrer sozialen Urteilskraft und der Konzentrationsfähigkeit. Die Expertenkonferenz „Schule ist mehr als PISA“ bestätigt dies. Außerdem werden Kreativität, Ausdauer und Flexibilität gefördert. Die Schule soll den Kindern die Grundlagen der Kultur vertraut machen, soll Kindern die Chance ermöglichen, Talente zu entwickeln. Außerdem dienen die Gemeinschaftserfahrungen, die man beim Musizieren erlebt, als Basis für die Charakterbildung.

Nur Hören oder selber Spielen?
2006 fand ein Wissenschaftlerteam um den Philosophen Ralph Schumacher in Anlehnung an Bastian heraus: Es macht einen großen Unterschied, ob ein Kind lediglich Musik hört oder ob es selbst zu einem Instrument greift. Zweites bewirkt, wenn auch nur in geringfügigem Umfang, eine positive Verbesserung des Intelligenzquotienten und verbessert die kognitiven Fähigkeiten. Wenn Kinder ein Instrument spielen, wird automatisch ihr Lernverhalten gestärkt. Sie benötigen für das Erlernen ihres Instruments ein systematisches Üben, was sich letztendlich positiv durch Erfolge und damit durch positive Selbstkonzepte auszeichnet. Kinder verknüpfen Anstrengung und Lernerfolg, auch in schulischen Dingen.

Singende Kinder besser entwickelt
Auch bei einer anderen Form des Musizierens, nämlich dem Singen, haben Forscher erstaunliches herausgefunden: Kinder haben mehr Mitgefühl. „Tägliches Singen fördert die gesunde physische und psychische Entwicklung von Kindern.“ Auf allen Ebenen besser entwickelt erschienen die singenden Kinder den Musikpädagogen Karl Adamek und Thomas Blank, bei einer Studie mit 500 Kindern, als die Wenig- oder Garnichtsinger. Vor allem Sprache sowie soziale und emotionale Kompetenz würden gefördert. Singende Kinder sind einfühlsamer, denn sie geben und nehmen durch das Singen Unterstützung für beziehungsweise von anderen Singenden. Des Weiteren können sie Gedächtnisinhalte besser speichern, denn Liedtexte müssen sie in einem Chor auch (auswendig) lernen.

Der kanadische Forscher Laurel Trainor fand außerdem heraus, dass durch regelmäßiges Singen die Fähigkeiten Lesen, Schreiben, Rechnen und räumliches Denken allesamt ausgeprägter sind als bei nicht-singenden Kindern. Als Erklärung führte er an, dass die Hirnregionen sich teilweise überlappen, in denen syntaktische Informationen zu Musik und Sprache verarbeitet werden. Musizieren lässt die Verbindung zwischen den Nervenzellen beider Gehirnhälften besser wachsen. Auch Dierk Zaiser kann dieses Phänomen bestätigen. Der Bewegungstherapeut von der Universität Reutlingen schlussfolgert, dass die Trennung zwischen Sprache und Musik in der frühkindlichen Phase kaum, wenn überhaupt, stattfindet. So klingen die gesprochenen Worte der Eltern für Kinder oft als Melodie. Jedes Elternpaar hat eine bestimmte Tonfolge. So erkennen Kinder ihre Eltern an der Stimme und an ihrem „Singsang“. Hans Papusek vermutete sogar, dass vormusikalisches Verhalten eine Voraussetzung für den Spracherwerb sei. Es erfordert die Koordination von mehreren Millionen Nervenzellen, um einen Sprachlaut zu formen. Diese Nervenzellen sind unter anderem wichtig für die Wahrnehmung, Aufmerksamkeitssteuerung, motorische Kontrolle der Muskeln und Sehnen des Mundes und das Gedächtnis. So erlernt das Kind durch den Dialog mit Mutter oder Vater und dem Sprechen mit sich selbst die Fähigkeit zu kommunizieren. Die verschiedenen Tonhöhen und deren zeitlich unterschiedliche Abfolge dienen dem Säugling als wichtige Informationen zur Erkennung der in seiner Welt existierenden Sprechstimmen. Der Säugling erlernt die „Sprache“ an sich ähnlich wie ein Erwachsener eine Fremdsprache erlernt. Es ist nach diesen Erkenntnissen also wahrscheinlich, dass Sprache und Musik einen gemeinsamen Ursprung im Hirn haben und aufeinander aufbauen.

Abstrus: Musik als Schulfach unwichtig
Bei diesen vielen positiven Erkenntnissen wirkt es doch sehr grotesk, dass der Musikunterricht in Deutschlands Schulen mehr als unwichtigeres Nebenfach behandelt wird und den Schülern keinen Spaß bereitet. Spaß ist laut Bastian allerdings einer der wichtigsten Aspekte im schulischen Musikunterricht. Die Ausfallquote ist mit 63 Prozent an Haupt- und Realschulen und 36 Prozent an Gymnasien erstaunlich hoch, teilweise müssen gitarrenbegabte Mütter einspringen, damit die Sprösslinge überhaupt ein paar Lieder oder Noten lernen. Gegen Fächer wie Mathematik oder Deutsch, in denen Leistungen zählen, hat Musik keine Chance. Denn diese sind hier nur schwer messbar. Umgekehrt nimmt Musik im Leben der Kinder, aber vor allem der Jugendlichen mehr und mehr Platz ein: mit Kopfhörer am Ohr und mp3-Player in der Tasche sind die meisten von ihnen heutzutage unterwegs. Auch wenn der Musikunterricht keine grundlegend klügeren Kinder hervorbringt, so kann man jedoch bereits bestehende Eigenschaften und Begabungen vertiefen und ausbauen. Bastian geht sogar soweit, dass jeder musikalisch ist, ob er es weiß, sein will oder nicht. So sprechen manche Forscher sogar von einem musikalischen Gen und der bereits erwähnten musikalischen Intelligenz.

Für den französischen Dichter Victor Hugo war Musik, „das Geräusch, das denkt“ und Angelo Branduardi, ein italienischer Popsänger und Liedermacher betrachtet Musik als „die beste Art der Kommunikation“. So viele kreative und schlaue Köpfe können sich nicht irren – vor allem nicht, wenn ihre eher laienhaften Ansichten so stark wissenschaftlich untermauert werden!

Eileen Florian


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