Ein Blick hinter die Kulissen des Hörspiels

14. Juni 2009

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Universal Music Family Entertainment bietet Musik- und Video-Produkte für die ganze Familie. Hierzu zählen die traditionsreichen Labels Karussell und Deutsche Grammophon Literatur. Das Angebot umfasst einen der größten Kinderaudiokataloge der Welt, der nicht nur die Geschichten von Otfried Preußler und Astrid Lindgren, sondern auch Künstler wie Rolf Zuckowski und Detlev Jöcker beinhaltet. Doch auch erwachsene Hörspielfans kommen durch hochwertige Produktionen des Labels Folgenreich voll auf ihre Kosten. Andreas Maaß, Senior Director bei Universal Music Family Entertainment, stand für medienbewusst.de Rede und Antwort und ermöglichte einige interessante Einblicke in den Hörspielbereich.

Wie positionieren sich Hörspiele in Zeiten von Konsolen-, Video- und Handyspielen? Können Einbrüche festgestellt werden?

Nein, Einbrüche nicht. Wenn, dann kann man Marktschwankungen und Veränderungen im Zusammenhang mit der Geburtenrate erkennen, mehr aber nicht. Denn Hörspiele haben sich etabliert, wenn man von den klassischen Themen ausgeht. Das Medium Hörspiel ist auch älter als alle anderen, in Konkurrenz befindlichen, Medien.

Wird trotzdem versucht das eher klassische Medium Hörspiel zu modernisieren? Bislang gibt es noch viele der Klassiker im „Karussell“-Katalog, doch wird man hier neue Wege gehen?

Ja, ganz klar! Jedoch geschieht dies dann eher im jugendlichen Bereich. Denn dort hat man eher eine Konkurrenzsituation als in anderen Bereichen. Dort spielen dann Produktionsstandards eine große Rolle, die sich in den letzten fünf bis sechs Jahren deutlich nach vorne entwickelt haben. Stichwort: „Kino für die Ohren“, opulente Soundtracks, aufwändige Animationen in Form guter Geräusche und mehr, sind ganz wichtige Neuerungen.

Wieso gibt es eigentlich immer noch so viele MCs?

Das kann ich gar nicht bejahen. Das trifft auf unser Angebot nicht zu. Im Markt sind es tatsächlich noch 30 Prozent gewesen, ich habe mir gerade eben noch einmal eine Auswertung angesehen. Speziell bei Universal ist der MC Anteil jedoch schon unter fünf Prozent. Wir haben den Ausstieg von der MC auch ganz bewusst vorangetrieben. Es handelt sich hierbei einfach um eine veraltete Technik, auch wenn natürlich sehr viel Nostalgie damit verbunden ist. Gerade die „Drei ???“-Fans legen anscheinend auf diese nostalgischen Aspekte viel wert. Neue Themen werden von uns jedoch gar nicht mehr als MC veröffentlicht.

Besucht man www.musik-fuer-dich.de, die Website von Rolf Zuckowski, findet man dort mittlerweile auch schon einen Online-Shop für direkte Downloads von mp3s und dergleichen. Wird man zukünftig weiter in diese Richtung gehen?

Ja das müssen wir, ganz klar. Wir müssen auf allen Portalen, in denen unsere Inhalte vertrieben werden, zeitgemäß präsent sein. Man findet unsere Angebote ja auch auf iTunes, Musicload, Amazon und diversen anderen Plattformen. Das Geschäft wird sich klar weiter diversifizieren, nicht nur im Downloadbereich, aber gerade auch dort.

Und nehmen die Kinder die neuen zeitgemäßen Formen beziehungsweise Formate gut an?

Ja, jedoch immer über ihre Eltern. Kinder direkt über das Internet anzusprechen, halte ich für etwas gefährlich. Es sollten stets die Eltern dazwischen geschaltet werden. Gerade auch, was die Bezahlmethoden betrifft: Es gibt immer noch kein optimales Bezahlprogramm, über das Kinder auch selbst verfügen können.

Sind denn Urgesteine wie „Pumuckl“ und „Astrid Lindgren“ auch heute noch so beliebt?

In der Tat und das ist schon fast eine Art Phänomen. Das sind große Klassiker der Fernsehgeschichte – das kennen die Eltern der Kinder, das ist eigentlich klassisches Familienprogramm. Sowohl als TV-Serie als auch als Hörspiel. Eltern und Kinder hören diese Klassiker auch zusammen und Eltern kaufen sie ihren Kindern, weil sie sie selbst kennen. Damit verbunden ist auch eine gewisse Sicherheit im Bezug auf den Inhalt, der dann von den Kindern rezipiert wird. Man könnte sagen die Begeisterung für diese Klassiker wird einfach „vererbt“.

Man profitiert also auch von dem generationenübergreifenden Bekanntheitsgrad?

Genau, es vererbt sich. Das sieht man beispielsweise bei Kinderliedern ganz stark. Sie nannten eben noch das Beispiel Rolf Zuckowski. Seine Werke sind generationsübergreifend, gerade auch live: Sie werden auf einem Rolf Zuckowski Konzert zahlreiche Generationen vorfinden.

Aber wer sind eigentlich, neben Rolf Zuckowski, die „Stars“ der Kinder heutzutage?

Bei Hörspielen ist es  „WAS IST WAS“, betrachtet man das Segment der edukativen Inhalte. Dort ist „WAS IST WAS“ weit vorne. Zusätzlich  sind es auch – man muss auch die Produkte der Konkurrenz nennen – solche Serien wie „Fünf Freunde“ und „TKKG“. Die „Drei ???“ sind eher nicht bei Kindern beliebt, denn die Kernzielgruppe liegt eigentlich bei 30+, es handelt sich dabei also eigentlich schon um ein erwachsenes Thema. Ansonsten sind es natürlich auch Themen, die aktuell im Fernsehen laufen.

Haben sich die Themenkomplexe oder Figurenkonstellationen für die Angebote denn über die Jahre stark verändert?

Sagen wir so, im klassischen „Kids-Segment“ eher nicht. Da ist der Katalog in der Breite relativ unverändert geblieben. Zwar kam immer wieder hier und da ein Thema hinzu, aber im Großen und Ganzen waren die Themenkomplexe eigentlich stabil. In den angrenzenden Bereichen, also gerade bei Hörspielen für Jugendliche und Erwachsene, ist jedoch eine Menge passiert. Und dort ist der bereits zu Anfang genannte Aspekt maßgeblich vorhanden: Der Qualitätsanspruch ist höher geworden. Man ist in Konkurrenz zu anderen Medien, hat aber trotzdem ein Medium, welches man auch unterwegs genießen kann. Möchte man sich hier nicht nur Hörspiel vorlesen lassen, sondern eine animierte Geschichte, die nicht gerade 10 CDs umfasst, so geht der Trend in eine kompakte, umfassende ein-CD Hörspielgeschichte auf hohem Produktionsniveau. Dem hat Universal bereits durch Gründung des neuen Labels und Portals folgenreich.de Rechnung getragen. Dort wird genau diese Zielgruppe bedient, die sich eher aus Jugendlichen bis hin zu Erwachsenen zusammensetzt. Themenbereiche sind Mystery, Fantasy aber auch „Star Wars“, um den Bereich Science-Fiction abzudecken. Natürlich werden wir in diesem Segment auch sehr viele neue Themen etablieren.

Wie lange dauert es eigentlich, bis eine Hörspielfolge komplett produziert wurde?

Das ist ganz unterschiedlich. Es kommt immer darauf an, wie die Sprecher verfügbar sind und wie lange an einem Buch geschrieben wird. Normalerweise kann man sagen, braucht man im Hörbuchbereich für die Produktion, also das reine Aufnehmen pro CD einen Tag. Das gilt aber nur für einen Vorleser. Entsprechend schwieriger wird es dann zu koordinieren im Falle von beispielsweise „Star Wars“, da dort eine hohe Dichte an prominenten Sprechern vorhanden ist. Das kann aber alles unter einen Hut gebracht werden, doch die anschließende Post-Produktion, die kann sich über Monate hinziehen.

Stichwort langandauernde Produktionen. Leider passiert es ja auch oftmals, dass Originalsprecher oder –sprecherinnen versterben. Woran legt man dann fest, ob die Serie mit Neuen weitergeführt wird oder nicht, ob sie vielleicht eingestellt wird?

Man muss eigentlich für Sprechernachwuchs sorgen. Wir haben aber weniger das Problem, dass die Sprecher versterben. Außer im Falle von „Gabriel Burns“: In diesem Fall hatten wir Hans Paetsch, der das Intro gesprochen hat, aber Elemente wie Intros bleiben immer gleich. Ein natürliches Problem entsteht eher, wenn wir Kindercharaktere besetzen, zum Beispiel bei der Hörspielserie „Conni“. Irgendwann wird die Sprecherin natürlich älter und man erkennt, dass dort kein junges Mädchen mehr zu hören ist. Dann wird ein Casting durchgeführt und es wird ein Nachfolger beziehungsweise eine Nachfolgerin ausgesucht.

Karussell hat ja einen wahnsinnig großen Katalog für Hörspiele und kinderspezifische Medienangebote. Gehe ich richtig in der Annahme, dass dafür in Deutschland ein besonders großer Markt existiert?

Der Einzige.

Der Einzige?

Ja. Es gibt eigentlich noch keinen Hörspielmarkt im Ausland – die Betonung liegt hierbei auf noch. Wir werden jedoch versuchen genau das zu ändern. Als ein weltweit aufgestelltes Unternehmen haben wir die Märkte mal analysiert und festgestellt, dass der Markt in Deutschland für Hörspiele sich relativ gut etabliert hat. Warum sollte das nicht zumindest anfangs im europäischen Ausland genauso gut funktionieren? Aber eine explizite Antwort auf die Frage, warum es gerade in Deutschland den einzigen Markt dafür gibt, existiert nicht. Es muss wohl mit kulturellen Aspekten zu tun haben. Beispielsweise gibt es in England die BBC, die eine lange Radioplay-Tradition hat –  aber eben das käuflich erwerbliche Kinderhörspiel ist nicht wirklich bekannt im Ausland, das gibt es eigentlich nirgends. Und jetzt wollen wir mal gucken, ob wir das auch anderswo hinbekommen. Das wäre schon gut.

Existieren im Hörspielbereich ähnliche Probleme mit Raubkopien, so wie im Musikbereich, oder eher weniger?

Das ist schwierig zu sagen. Die Frage ist: Wie grenzt man das ab? Betrachtet man die Umsatzentwicklungen, dann eher nicht. Dort sind lediglich Schwankungen im Bereich der Entwicklung der Geburtenrate mehr oder weniger festzustellen. Ich kann nur vermuten, dass es so ist. Ich glaube es aber eher weniger. Und das aus einem simplen Grund: Wir haben ein Produkt, welches viel niedriger im Preis ist. Unsere Produkte gibt es nach einiger Zeit teilweise für drei Euro in diversen Discounter-Märkten zu erwerben. Da lohnt sich illegales CD kopieren nicht mehr. Doch selbst im normalen Verkauf belaufen sich die Kosten auf 6,99€ oder 7,99€. Der Aufwand, dies fremd- oder raub zu kopieren oder es sich eben irgendwo unbezahlt aus dem Netz herunterzuladen, stellt dann keinen wirklichen Anreiz mehr dar. Zumal man dann kein Originalprodukt  mit Cover in den Händen hat und Eltern Ihre Kinder auch nicht mit geklauten mp3-Daten alleine lassen wollen. Also sind die Vorzüge eher aufseiten des physischen Produktes – des bezahlten.

Kann man eine Trendprognose geben, wo es hingehen wird?

Ziele sind gebündelte Ansprachen der Zielgruppen und eine gebündelte Darstellung der Themenwelten. Darüber hinaus ist das Halten der Qualität auch im Übrigen eine große Chance für uns, uns ein bisschen gegenüber den, doch teilweise willenlosen Veröffentlichungen, die es da gerade im Hörspielbereich gibt, abzuheben. Damals, als wir mit „Gabriel Burns“ angefangen haben, haben wir fast ein neues Genre eröffnet. „Sinclair“ will ich an dieser Stelle nicht Unrecht tun, die waren natürlich zuerst da. Aber uns ist es gelungen das Ganze  noch ein wenig zu verfeinern. Und danach sind auch eine Menge Nachahmerprodukte auf dem Markt erschienen. Und was die Formate betrifft: Wie gesagt, mp3 oder in welcher Form auch immer, mobil oder stationär oder in Form einer Flatrate – ich glaube, dass sich die Angebotsformen stark diversifizieren werden. Ich glaube, dass der Speicherstick irgendwann eine gewisse Rolle spielen könnte oder die Speicherkarte, dass sehr viel über diese Medien rezipiert werden wird.  Wobei man natürlich immer aufpassen muss. Inzwischen kann man Unmengen an Daten speichern, sodass man den Preis für die Inhalte auch gerecht gestalten muss.

medienbewusst.de bedankt sich bei Andreas Maaß für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg

Stefan Fischer

Bildquelle:
Copyright 2009 Universal Music

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