„Wer zuhört, wird ein Teamplayer“

14. Juni 2009

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Vor rund sechs Jahren initiierte der aus Baden-Baden stammende Unternehmer Wolfgang Grenke zusammen mit dem Festspielhaus Baden-Baden ein Projekt, mit dessen Hilfe Kinder und Jugendliche für klassische Musik begeistert werden sollten. Mittlerweile haben sich weitere private Förderer dem Projekt angeschlossen. „Kolumbus – Klassik entdecken!“ lockt nun, jährlich mehr als 5000 Kinder, Jugendliche und Erwachsene in das größte deutsche Opernhaus. Heike Singer, Bildungsreferentin des Baden-Badener Festspielhauses, hat medienbewusst.de einige interessante Ein- und Ausblicke gewährt.

Frau Singer, hat die klassische Musik in Deutschland Nachwuchssorgen?

Absolut nicht – ganz im Gegenteil! Ich weiß von vielen Städten, in denen Musikschulen lange Wartelisten haben. Und nicht nur hier in Baden-Baden sind musikalische Angebote für Kinder und Jugendliche zurzeit ein Renner.  „Der Gasteig brummt”, eine Veranstaltung, die ich in München besucht habe, beweist das. Das Ganze ist eine Kooperation der Münchner Philharmoniker, Musikschulen, Volkshochschulen und Tanzschulen, die an einem Tag zahllose Workshops für Kinder angeboten haben. Insgesamt waren rund achttausend Kinder an einem Tag dort. Ein großes Interesse ist sicher vorhanden, wobei Eltern und Großeltern vielleicht nicht mehr so viel Musik mit Kindern daheim machen, sondern dankbar sind, wenn es professionelle Angebote von Veranstaltern zu diesem wichtigen Thema gibt. Von Nachwuchssorgen kann also erst einmal keine Rede sein. Wir haben in Deutschland sogar eine ganz breite Palette von überaus talentierten Musikern, die nur darauf warten endlich nachzurücken. In der Breite aber übernehmen Veranstalter immer mehr Aufgaben, die früher in der Familie angesiedelt waren: Das gemeinsame Singen, Tanzen und das Lernen über unsere mitteleuropäische Musikgeschichte.

Wie kommt es dann, dass Kurt Masur die Zukunft der klassischen Musik in Asien sieht und Sir Simon Rattle sie angeblich sogar schon in Venezuela gehört hat? Warum nicht in Deutschland?

Bitte unterscheiden Sie immer die ausübenden Berufsmusiker und die Vermittlung von musikalischem Allgemeinwissen. Bei den angehenden Profi-Musikern, denke ich, liegt das an der Verbesserung der Bildungssysteme in vielen Ländern der Erde, wo Jugendliche auch mehr Zeit mit dem Üben eines Instruments zubringen. In Venezuela gibt es generalstabsmäßig geplante musikalische Projekte. In dieser Form ist das in Deutschland prinzipiell nicht notwendig und auch nicht gewollt. Unsere Talente an den Instrumenten werden anders gefördert. In China  gibt es unter anderem den Riesenrummel um Lang Lang, den Pianisten. Ihm ist es gelungen, Millionen von Jugendlichen für klassische Musik zu begeistern. Diese Begeisterung geht aber auch mit der Hoffnung einher, dass man genauso berühmt und reich werden kann wie Lang Lang, wenn man lernt, genauso gut Klavier zu spielen, wie er es tut. Das ist mitunter ein Grund, warum sich die Jugend derzeit in China mehr für klassische Musik interessiert als es vielleicht hier der Fall ist. Aber noch einmal: Auf Musikinstrumente gibt es derzeit auch in Deutschland lange Lieferzeiten und auch in der Frühförderung ist das Thema „Musikalische Bildung“ derzeit schwer „in“. Bei uns wird der gesamtgesellschaftliche Aspekt der Musik mehr und mehr erkannt. Wer „zuhören“ kann, wird schneller ein Teamplayer – in sozialer wie beruflicher Hinsicht.

Das Festspielhaus Baden-Baden hat 2001 das „Kolumbus“-Projekt ins Leben gerufen. Erklären Sie uns kurz, was „Kolumbus“ eigentlich ist.

„Kolumbus – Klassik entdecken!“ ist ein dreistufiges Projekt. Es richtet sich an Kinder im Grundschulalter, die zweite Stufe dockt an die Sekundarstufe II in den Schulen an und dann haben wir noch unser Programm für Erwachsene. Das Kolumbus-Schulprojekt ist ein Projekt, das gemeinsam von unserem Intendanten Andreas Mölich-Zebhauser und einem privaten Förderer, dem Unternehmer Wolfgang Grenke ins Leben gerufen worden ist. Es  ging darum, Jugendliche für die klassische Musik zu gewinnen. Natürlich soll auch eine gewisse Bindung hergestellt werden, damit die Jugendlichen auch später noch klassische Konzerte besuchen. Im Rahmen dieses Schulprojektes können sich Schulklassen für eigentlich alle Vorstellungen, die bei uns im Haus stattfinden, anmelden. Es werden keine Unterschiede gemacht. Das heißt, dass Schulklassen letztlich nicht nur die Veranstaltungen besuchen dürfen, die ohnehin nicht gut besucht sind, nur um den Saal zu füllen. Es gibt Kartenkontingente, die nur für Schulklassen reserviert sind. Für zehn Euro pro Person können die Schüler also auch Veranstaltungen mit Lang Lang oder Anne-Sophie Mutter besuchen. Das Besondere ist dabei die Zusammenarbeit mit den Schulen: Die Besuche im Festspielhaus sollen im Unterricht vorbereitet werden. Somit arbeiten öffentliche Bildungseinrichtungen und ein Musikveranstalter eng zusammen – zum Wohle der Jugendlichen.

Aber auch die ganz Kleinen kommen bei Ihnen nicht zu kurz. Was wird ihnen geboten?

Ja genau, unsere Kindermusikfeste sollen die Kinder zum Mitmachen anregen. Ihnen soll das fertige Produkt nicht einfach vorgesetzt werden und dann können sie wieder nach Hause gehen. Die Kinder sollen von Anfang an in das musikalische Geschehen miteinbezogen werden. Im kommenden November findet ein Kindermusikfest unter dem Motto “Musik erfinden” statt. Hierbei sollen sich die Kinder in Workshops ihre ganz eigenen Kompositionen ausdenken und anschließend auch auf die Bühne des Festspielhauses bringen. Außerdem findet im nächsten Jahr das erste Kindertanzfest statt. Im regulären Programm unseres Hauses haben wir eben nicht nur klassische Konzerte oder Opern, sondern auch Ballettaufführungen. Dementsprechend sollen die Kinder auch diesen Bereich kennenlernen. Beim Kindertanzfest wird es tagsüber Workshops geben, in denen die Kinder verschiedene Tanzstile kennen- und schließlich auch erlernen sollen. Der Spaß an der Bewegung steht bei dieser Veranstaltung im Vordergrund. Kindermusikfeste folgen auch dem Festspielgedanken. Es sind Festivals en miniature.

Wie vermitteln sie Kindern, dass klassische Musik nicht nur etwas für, sagen wir mal, betagtere Herrschaften ist?

Ich würde sagen, dass das gar nicht mehr der Fall ist. Man muss sich nur unser Jahresprogramm anschauen. Da wird einem schnell auffallen, dass eine Menge junge Künstler dabei sind. Die klassische Musik hat sich sehr gewandelt und auch der Jugend gegenüber geöffnet. Uns geht es auch um eine gewisse „Offenohrigkeit“ wie es einer unserer wissenschaftlichen Berater gesagt hat. Je früher Kinder mit klassischer oder klassischer moderner Musik in Berührung kommen, desto eher interessieren sie sich. Diese „Offenohrigkeit“ nimmt heute schon bei Zweitklässlern ab. Sie übernehmen ein musikalisches Wertesystem von Erwachsenen, die selbst keinen Draht zur Klassik haben.

Wie gehen Schüler denn in ein klassisches Konzert und wie kommen sie wieder heraus?

Hin und wieder bekomme ich E-Mails von Lehrern, die mir erzählen, wie begeistert ihre Schüler waren. Im Normalfall bekomme ich nur positives Feedback. Viele können kaum glauben, dass diese Musik ohne Verstärkung oder andere technische Tricks gemacht wird. Und dass alles „live“ ist. Aber ich kann mir natürlich auch vorstellen, dass mit Sicherheit der ein oder andere dabei gewesen sein wird, dem es vielleicht nicht so gut gefallen hat. Aber man merkt bei Kindern ja relativ schnell, wenn sie gelangweilt sind. Meistens fangen sie dann an zu stören. Bisher habe ich aber noch keine einzige Beschwerde von anderen Besuchern erhalten. Ich sehe das als ein gutes Indiz dafür, dass es den Kindern bei uns im Haus gefällt.
Das Kolumbus-Projekt ist aber nicht so konzipiert, dass sich die Kinder einfach nur ein Konzert ansehen dürfen. Wir wollen, dass die Kinder auf den Besuch in unserem Haus vorbereitet werden. Mit dieser Vorbereitung lässt sich ein klassisches Konzert ganz anders erleben. Dabei ist es wichtig, dass wir die Kinder in ihrer eigenen Erlebniswelt abholen. Im letzten Jahr hatten wir im Vorbereitungsmaterial, das wir vor den Aufführungen ins Internet stellen, zum “Barbier von Sevilla” einen Link zu einem Youtube-Video, in dem ein wirklich schräger Kerl mit einer E-Gitarre in der Hand die weltberühmte Arie des Babiers in einer Popversion gesungen hat. Neben solchen Dingen gibt es aber auch Erklärungen zum Programm und zu den Künstlern. Natürlich sollen sich die Kinder im „Blick durch die Lupe“ auch intensiver mit den Kompositionen auseinandersetzen. Mit Hilfe von Hörbeispielen wollen wir ihnen an ausgesuchten Stellen erklären, wie die Musik eigentlich funktioniert. Wichtig ist, dass wir nicht zu dogmatisch arbeiten. Wir lassen uns von Lehrern und Hochschulwissenschaftlern beraten und versuchen, beste Beispiele auch aus anderen Kulturen nach Baden-Baden einzuladen. Unser Education-Program verändert sich dadurch, ist eher eine Ideenplattform als ein langweiliger „Kursus“.

Ist das besagte Youtube-Video ein kleiner Versuch die strikte Trennung zwischen Klassik und populärer Musik aufzubrechen?

Nigel Kennedy versucht das ja schon seit Jahren. Mit seinem Punk-Outfit ist er ja im Grunde das komplette Gegenteil eines klassischen Musikers. Mittlerweile finden sich auch immer mehr Künstler, die auf diesen Zug aufspringen. Ich finde, dass man so etwas immer ein bisschen mit Vorsicht genießen sollte. Eine permanente Mischung von Klassik und Pop ist in meinen Augen nicht der richtige Weg. Es geht einfach darum, gute Musik schätzen zu lernen – egal wie alt man ist. Plötzlich entdeckt man, dass ein Barockorchester mehr „Groove“ haben kann als eine laute Rockband.

Wer sind die prominenten Unterstützer?

Anne Sophie Mutter ist ein gutes Beispiel. Wenn Sie es einrichten kann, hilft sie aktiv mit. Vor zwei Jahren hat sie Kinder zu ihrer Probe eingeladen, die ihr im Anschluss allerhand Fragen stellen durften. Sie sucht die Nähe zu den Kindern und versucht sehr viel möglich zu machen. Darüber hinaus bieten wir aber auch viele Künstler-Schüler-Begegnungen an. Wenn also eine Schulklasse nach dem Konzert noch einen Künstler persönlich kennenlernen möchte, dann versuchen wir das möglich zu machen. Eigentlich erklären sich die Künstler in den meisten Fällen zu diesen Treffen bereit. Im März war es Lang Lang, der nach seinem Konzert direkt eine Schulklasse begrüßt hat und sich richtig nett mit den Schülern unterhalten hat. Besonders die jungen Künstler sind sehr daran interessiert, sich mit den Kindern auseinanderzusetzen. Cecilia Bartoli war erst skeptisch, und nach einer Stunde angeregter Diskussion mit Schülern mussten wir nachher fast das Licht ausmachen, um dieses Treffen zu beenden. Die Sängerin war total begeistert.

Was plant das Festspielhaus für die Zukunft des Kolumbus-Projektes?

Wir werden immer versuchen uns weiterzuentwickeln. Wohin diese Entwicklung geht, können wir jetzt noch nicht sagen. Wir werden halt immer versuchen noch besser zu werden. Wir streben eine noch intensivere Zusammenarbeit mit den Schulen an. Gemeinsam mit den Schulen wollen wir das Vorbereitungsmaterial verbessern. Auch die Kindermusikfeste sollen für die Kinder zukünftig noch interaktiver gestaltet werden. Man muss immer auf den Trend der Zeit reagieren und das wird beim Kolumbus-Projekt natürlich auch der Fall sein. Für Erwachsene möchten wir versuchen, noch mehr Türen zu öffnen und genussreiche Musikerlebnisse ermöglichen. Wir sind schon jetzt das erste Haus, das Besucher zu Proben großer Orchester einfach mit auf die Bühne setzt. Wir gehen neue Wege und wollen die Lust auf klassische Musik entfachen.

medienbewusst.de bedankt sich bei Heike Singer für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg

Matthias Jahn

Bildquelle:
Copyright 2008 Andrea Kremper

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