ADHS-Therapie-Apps: was die Studienlage wirklich zeigt
Ein getestetes ADHS-Trainingsspiel brachte nur im künstlichen Aufmerksamkeitstest einen Vorteil - zu Hause und in der Schule blieb laut den Eltern alles unverändert.
Die bekannteste randomisiert-kontrollierte Studie zu einem Video-Spiel gegen ADHS-Symptome bei Kindern betrifft AKL-T01 des US-Unternehmens Akili Interactive Labs, veröffentlicht 2020 im Fachjournal The Lancet Digital Health. Die Kinder wurden in einem Aufmerksamkeitstest messbar besser - im Alltag, nach Einschätzung ihrer Eltern, veränderte sich dagegen nichts. Fachleute warnen deshalb davor, ein Testergebnis mit einer wirksamen Behandlung zu verwechseln.
Die Studie: was AKL-T01 wirklich zeigte
Das US-Unternehmen Akili Interactive Labs entwickelte AKL-T01 und finanzierte eine randomisiert-kontrollierte Studie mit 348 Patienten im Alter von 8 bis 12 Jahren an 20 wissenschaftlichen Einrichtungen. Die Spielgruppe trainierte fünf Mal täglich an fünf Tagen die Woche, vier Wochen lang; die Kontrollgruppe nutzte eine andere digitale Anwendung, ohne festes Tagesschema. Veröffentlicht wurden die Ergebnisse 2020 im Fachjournal The Lancet Digital Health, eingeordnet vom Science Media Center Germany.
| Messgröße | Ergebnis der Studie |
|---|---|
| TOVA-Aufmerksamkeitstest | kleiner Vorteil im Testwert: 0,93 Punkte Verbesserung (Kontrollgruppe: 0,03 Punkte) |
| Andere Testkategorien | keine Verbesserung gegenüber der Kontrollgruppe |
| Einschätzung der Eltern im Alltag | keine unterschiedlich ausgeprägte Verbesserung |
| Unerwünschte Effekte | 7 Prozent der Kinder, am häufigsten Frustration (5 Prozent) |
Kritiker weisen auf Schwächen im Studiendesign hin: Der zweite Teil des TOVA-Tests ähnelt der Spielaufgabe selbst, sodass ein Teil der Verbesserung schlicht ein Übungseffekt sein könnte. Die Kontrollgruppe trainierte zudem nicht nach demselben Schema von fünf Einheiten täglich, wodurch die Vergleichbarkeit leidet. Die Studie schloss außerdem Kinder mit einem IQ unter 80 aus, macht aber keine Angabe zum durchschnittlichen IQ der beiden Gruppen.
Wie Fachleute das Ergebnis einordnen
Ein Testergebnis sagt wenig aus, erklärt Marcel Romanos, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg: Etwa die Hälfte der Kinder mit ADHS zeigt in solchen Testbatterien keinerlei Defizite, ist im Alltag aber trotzdem eingeschränkt. Die Eltern berichteten in der Studie keine signifikanten Effekte. Romanos warnte 2020 davor, denselben Fehler zu machen wie beim Neurofeedback, das als neue Heilmethode galt, für das es damals aber keinen Wirksamkeitsnachweis gab.
Zulassung in den USA, Kostenübernahme in Deutschland
In den USA hat die Arzneimittelbehörde FDA das Spiel am 15. Juni 2020 unter dem Namen EndeavorRx für Kinder von 8 bis 12 Jahren freigegeben. Sie prüfte dafür nach eigener Angabe Daten aus mehreren Studien mit mehr als 600 Kindern. Freigegeben ist es zur Verbesserung der Aufmerksamkeit, gemessen in computergestützten Tests. Auch die FDA nennt Frustration als häufigste Nebenwirkung.
In Deutschland zahlt die Krankenkasse eine digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) nach § 33a SGB V nur, wenn das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sie in sein Verzeichnis aufgenommen hat und eine Ärztin, ein Psychotherapeut oder die Krankenkasse die Anwendung verordnet oder genehmigt. Ob dort eine App zu ADHS steht, können Sie im DiGA-Verzeichnis des BfArM selbst nachsehen.
Was Sie vor dem Kauf prüfen
Woran Sie ein seriöses Angebot erkennen
Diese Punkte helfen beim ersten Einschätzen:
- Eine veröffentlichte, randomisiert-kontrollierte Studie liegt vor.Nicht nur eine Pilotstudie des Herstellers oder Bewertungen im App Store.
- Die Studie misst mehr als einen einzelnen Test.Ein verbessertes Testergebnis sagt wenig, wenn Alltag und Elternurteil unverändert bleiben.
- Eine kinder- und jugendpsychiatrische oder psychotherapeutische Praxis ist eingebunden.Die App begleitet eine Behandlung, sie ersetzt sie nicht.
- Die Kontrollgruppe der Studie trainierte unter vergleichbaren Bedingungen.Sonst lässt sich ein Vorteil nicht von einem reinen Übungseffekt unterscheiden.
- Die behandelnde Praxis legt fest, woran der Nutzen gemessen wird.Fragen Sie dort, wie lange und woran gemessen eine App ausprobiert werden soll.
So gehen Sie vor
Abklärung zuerst
Lassen Sie von einer kinder- und jugendpsychiatrischen oder -psychotherapeutischen Praxis klären, ob ADHS vorliegt, bevor eine App zum Einsatz kommt.
Studienlage nachlesen
Fragen Sie nach einer veröffentlichten, randomisiert-kontrollierten Studie zur konkreten App - eine Werbeaussage allein genügt nicht.
Wirkung einordnen
Prüfen Sie, ob die Studie nur einen Test misst oder auch den Alltag der Kinder - ein besseres Testergebnis ist nicht dasselbe wie weniger Symptome.
Kostenübernahme klären
Fragen Sie vor dem Kauf direkt bei der Krankenkasse nach, ob und unter welchen Bedingungen sie die Kosten übernimmt.
Mit der Praxis absprechen
Fragen Sie die behandelnde Praxis, wie lange und woran gemessen eine App ausprobiert werden soll.
So sieht das in der Praxis aus
Welche Regeln im Familienalltag bei ADHS wirklich tragen, zeigt Struktur statt Verbote: Medienregeln, die bei ADHS tragen. Was die Studienlage zu Computerspielen und ADHS allgemein sagt, zeigt ADHS und Computerspiele: was belegt ist und was nicht.
Zuletzt geprüft am 08.10.2026 · fachlich geprüft
Quellen
- § 33a SGB V Digitale Gesundheitsanwendungen · Bundesministerium der Justiz, gesetze-im-internet.de
- A novel digital intervention for actively reducing severity of paediatric ADHD (STARS-ADHD): a randomised controlled trial · Kollins SH et al., The Lancet Digital Health · 24.02.2020
- A novel digital intervention for actively reducing severity of paediatric ADHD (AKL-T01) - randomisierte kontrollierte Studie · Kollins SH et al., The Lancet Digital Health; Einordnung durch das Science Media Center Germany · 15.10.2026
- Elternberatung 0800 111 0550 - Zeiten, Anonymität, Kosten · Nummer gegen Kummer e. V.
- FDA Permits Marketing of First Game-Based Digital Therapeutic to Improve Attention Function in Children with ADHD · U.S. Food and Drug Administration (Archivfassung, Original nicht mehr abrufbar) · 15.06.2020
Redaktioneller Stand
- Geprüft am
- 08.10.2026
- Geprüft von
- Redaktion medienbewusst.de
- Belege
- 5 Quellen, unten vollständig aufgeführt
- Wiedervorlage
- 06.04.2027
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