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Mediensucht erkennen: woran Eltern sie wirklich sehen

Blick aus dem Flur: Hände halten einen Notizblock, an der Wohnungstür liegt eine unbenutzte Sporttasche mit Fußballschuhen, im Zimmer dahinter spielt ein Junge mit Headset.
Notizen über zwei Wochen zeigen, was die Bildschirmzeit allein nicht verrät, etwa ein Hobby, das still wegfällt.

Die Stundenzahl allein entscheidet nicht, es kommt auf Kontrollverlust und Folgen über längere Zeit an. Hinsehen und Beratung suchen können Sie trotzdem sofort.

Die Frage lautet fast immer „wie viele Stunden sind zu viel?“ - und genau daran lässt sich Mediensucht nicht erkennen. Entscheidend sind drei Dinge, und zwar alle zusammen: Ihr Kind kann die Nutzung nicht mehr steuern, und es entstehen daraus Nachteile in Schule, Familie oder Gesundheit - und es spielt oder scrollt trotzdem weiter.

Was als Krankheit anerkannt ist - und was nicht

Die Weltgesundheitsorganisation führt in ihrem Krankheitsverzeichnis ICD-11 die Computerspielstörung („gaming disorder“). Sie beschreibt sie als Muster aus drei Teilen: eingeschränkte Kontrolle über das Spielen, ein immer größerer Vorrang des Spielens vor anderen Interessen und Alltagspflichten, und Weiterspielen oder Ausweiten trotz negativer Folgen.

Wichtig für die Einordnung von Schlagzeilen: Als eigenständiges Störungsbild ist bislang nur die Computerspielstörung anerkannt. Für soziale Medien, Streaming und Online-Pornografie gibt es keine solche Diagnose - das Verhalten wird beobachtet und mit vergleichbar gebauten Fragebogen gemessen, aber gemessene Auffälligkeit und Diagnose sind nicht dasselbe. Wer das gleichsetzt, macht aus jedem vierten Kind einen Suchtkranken.

Wie häufig es ist

Für Deutschland gibt es dazu seit 2019 eine jährliche Erhebung: Das Deutsche Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf befragt im Auftrag der DAK-Gesundheit Familien. In der achten Welle, im Herbst 2025, waren es 1.005 Familien mit Kindern zwischen 10 und 17 Jahren.

riskante Nutzungpathologische Nutzungpathologisch: Jungen / Mädchenpathologisch: 10-13 / 14-17 Jahre
Digitale Spiele6,6 %4,5 % (Vorjahr 3,4 %)6,7 % / 2,3 %3,8 % / 5,1 %
Soziale Medien21,5 %6,6 % (Vorjahr 4,7 %)6,7 % / 6,5 %2,7 % / 10,2 %

Hochgerechnet sind das etwa 587.520 Kinder und Jugendliche mit riskanter oder pathologischer Spielenutzung und über 1,4 Millionen mit problematischen Mustern bei sozialen Medien. Drei Befunde aus der Tabelle sind für Eltern die interessanten:

Die Anzeichen

Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit nennt acht Symptome, die bei Jugendlichen am häufigsten auftreten. Einzeln hat fast jedes Kind eines davon einmal. Aussagekräftig wird es, wenn mehrere über einen längeren Zeitraum zusammenkommen.

Acht Anzeichen, nach dem Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit

  • Zeitlich unkontrollierter, oft stundenlanger Medienkonsum
  • Die Nutzungszeiten steigen immer weiter
  • Übermäßige gedankliche Beschäftigung mit dem Lieblingsspiel oder den sozialen Netzwerken - auch wenn das Gerät aus ist
  • Versuche, weniger zu nutzen, misslingen
  • Schulische und außerschulische Pflichten und soziale Kontakte werden vernachlässigt
  • Entzugserscheinungen, wenn es nicht geht: Wut, Reizbarkeit, Verzweiflung, Niedergeschlagenheit
  • Körperliche Begleiterscheinungen wie Kopf- und Rückenschmerzen, Schlafmangel
  • Das Nutzungsverhalten und die Folgeprobleme werden verheimlicht oder verharmlost

Was Sie tun können

  1. Zwei Wochen beobachten, nicht nur messen

    Nicht nur die Stunden zählen, sondern die Liste oben durchgehen. Was fällt mehrfach auf? Was hat sich gegenüber dem letzten Halbjahr verändert? Ein Zettel mit drei Notizen ist mehr wert als eine Bildschirmzeit-Statistik allein.

  2. Ein Gespräch ohne Vorwurf führen

    „Mir fällt auf, dass du morgens kaum aus dem Bett kommst“ führt weiter als „du hängst nur am Handy“. Fragen Sie, was das Spiel oder die App dem Kind gibt - Erfolg, Freunde, Ruhe vor etwas anderem. Diese Antwort ist der Ansatzpunkt, nicht die Nutzungszeit.

  3. Den Selbsttest anbieten, nicht verordnen

    Auf ins-netz-gehen.de, dem Angebot des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit, gibt es einen Selbsttest für Jugendliche. Er richtet sich vor allem an 12- bis 15-Jährige und gibt am Ende eine ausführliche Rückmeldung. Weil er anonym ist, kann er ein Gespräch leichter in Gang bringen.

  4. Eine Beratungsstelle suchen, bevor es eskaliert

    Auf ins-netz-gehen.de gibt es eine Datenbank mit Beratungsstellen in der Nähe und eine kostenlose E-Mail-Beratung für Eltern. Eine Beratung ist keine Therapie und verpflichtet zu nichts.

  5. Die Kinderärztin einbeziehen, wenn der Körper mitspielt

    Schlafmangel, Kopfschmerzen, Gewichtsveränderungen, Leistungseinbruch: Das gehört in die Sprechstunde, und zwar unabhängig davon, ob die Medien die Ursache sind oder das Ventil.

Wenn es gar nicht die Medien sind

Ein Rückzug ins Spiel kann auch die Folge von etwas anderem sein: Mobbing in der Schule, Überforderung, eine Trennung, eine unerkannte Aufmerksamkeitsstörung. Dann löst eine Zeitbegrenzung allein das Problem nicht, weil sie das Ventil zudreht und das Problem stehen lässt. Wenn der Rückzug mit einer Veränderung im Leben Ihres Kindes zusammenfällt, ist das die wichtigere Spur.

Für Absprachen nach den zwei Wochen Beobachtung helfen die Medienregeln in der Familie weiter. Eskaliert der Streit ums Gerät, lesen Sie nach, ob Sie das Handy wegnehmen dürfen und was stattdessen wirkt. Vermuten Sie hinter dem Rückzug eine Aufmerksamkeitsstörung: ADHS und Computerspiele - was belegt ist und was nicht.

Zuletzt geprüft am 15.09.2026 · fachlich geprüft

Quellen

Redaktioneller Stand

Geprüft am
15.09.2026
Geprüft von
Redaktion medienbewusst.de
Belege
16 Quellen, unten vollständig aufgeführt
Wiedervorlage
14.03.2027

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