Warum Sexting unter Jugendlichen (k)ein Problem ist

 

Jugendliche schicken sich freizügige Handy-Schnappschüsse (sog. Sexting). Eltern und Pädagogen*innen sind alarmiert. Man müsse die unbedacht handelnden Jugendlichen – vor allem die Mädchen – auf die Gefahren ihres „sexualisierten Fehlverhaltens“ hinweisen, wird es oft heißt. Dabei machen verliebte Teenager, die sich heiße Fotos senden, meist überhaupt nichts falsch.

Basierend auf einem Gasbeitrag von Prof. Dr. Nicola Döring

Sexting ist bei jugendlichen Paaren sehr beliebt

Nele und Dominic sind beide 17 Jahre alt und seit einem Jahr ein Pärchen. Das bedeutet: Sie unterhalten sich stundenlang, knutschen manchmal auf dem Schulhof, streiten und versöhnen sich, tragen Freundschaftsringe, planen nach dem Abi eine gemeinsame Europareise, haben seit fünf Monaten auch Sex. Jeden Abend vor dem Schlafengehen zücken sie noch einmal ihre Smartphones und schicken sich Liebesgrüße per WhatsApp, ab und zu auch einen leichtbekleideten Schnappschuss aus dem Bad oder Bett.

Offener Umgang förderlich für die Jugendsexualität

Ist was sie da tun riskant? Natürlich. Was könnte nicht alles passieren in so einer jungen Romanze: Liebeskummer, ungeplante Schwangerschaft, Klatsch und Tratsch, Chlamydien, Eifersuchtsdramen, sogar sexuelle Gewalt. Wird daher zur Liebes- oder Sex-Abstinenz aufgerufen? In Deutschland – im Unterschied zu den USA – nicht.

Wir sehen es als natürlich und wichtig an, dass Jugendliche erste romantische und sexuelle Erfahrungen sammeln. Und gerade weil wir dies nicht mehr verschweigen, findet Jugendsexualität in Deutschland heute viel einvernehmlicher und sicherer statt. Und eben nicht so oft hektisch, betrunken, ungeschützt oder gewaltsam wie z.B. in den USA, wo Jugendliche offiziell überhaupt keinen vorehelichen Sex haben sollen.

Auf Mädchen lastet oft mehr Druck

Wir gehen nicht davon aus, dass Nele selbstverständlich damit rechnen muss, von ihrem Freund vergewaltigt zu werden, wenn sie bei ihm übernachtet. Das erlauben ihr die Eltern nämlich inzwischen. Aber Anti-Sexting-Kampagnen sehen Dominic als jemanden, der Neles private Bilder vermutlich allen seinen Kumpels zeigen wird, um damit anzugeben, und der die intimsten Fotos beim geringsten Anlass als Racheaktion ins Internet stellen würde.

Solche Kampagnen glauben, sie vermitteln “Medienkompetenz”, wenn sie Nele mitteilen: „Du darfst dich deinem Freund nackt zeigen und mit ihm schlafen, aber ein Oben-Ohne-Bild von dir darfst du ihm niemals geben, das wäre leichtsinnig, und wenn er es missbraucht, bist du selber schuld.“ Tatsächlich wird üblicherweise den Mädchen vermittelt, dass sie beim Foto-Versenden an ihren Liebsten asexuell bleiben müssen, damit kein Unglück geschieht.

Wer Fotos illegal weiterleitet, der macht sich strafbar

Bei körperlichem Missbrauch hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass nicht das Opfer die Schuld trägt. Bei Missbrauch persönlicher Fotos sind wir noch nicht so weit. Und dabei gibt es beim illegalen Weiterleiten privater Bilder nicht nur einen einzelnen Täter, sondern eine Masse an Täterinnen und Tätern, die sich alle strafbar machen. Kein bloßstellendes Foto wird von allein herumgeschickt, es wird von vielen Einzelpersonen bewusst weitergeleitet in dem Wissen, dass das intime Bild nicht für sie bestimmt sein kann.

Und das passiert immer wieder. Auch in der Schule, die eigentlich ihre Mitglieder*innen schützen sollte, aber bislang ungenügend darauf vorbereitet ist, gegen Foto-Missbrauch und damit verbundenes Mobbing und Cybermobbing im eigenen Haus effizient vorzugehen. […] Hier liegen Herausforderungen, die wir angehen müssen. […] Es muss um Opferschutz gehen statt um Schuldzuweisungen an die – meist weiblichen – Mobbing-Opfer.

Erotische Bilder als Widerstand gegen Schönheitsnormen

Ist der Austausch freizügiger Handy-Fotos ein Ausdruck jugendtypischer Unreife? Keineswegs. Das erkennt man schon daran, dass diese Form des intimen Austauschs unter Erwachsenen sehr viel stärker verbreitet ist als unter Jugendlichen: In manchen Studien liegt die Verbreitung des Sexting bei Erwachsenen über 50%, bei Jugendlichen im Durchschnitt unter 15%. Das heißt, die Mehrheit der Jugendlichen (rund 85%) beteiligt sich überhaupt nicht. […]

Erotische Bilder selbst zu produzieren bedeutet für Erwachsene und Jugendliche nicht zuletzt auch Widerstand gegen verbreitete Schönheitsnormen zu leisten. Selbstakzeptanz anstelle von Selbstzweifeln! Nele jedenfalls träumt nicht von einer Brustvergrößerung, sondern findet ihren kleinen Busen richtig gut, vor allem seit sie ausprobiert hat, wie toll der auf Fotos wirkt. Und Dominic ist stolz darauf, dass Nele gern seine Nacktfotos anschaut, wenn sie ihn vermisst, obwohl er doch gar nicht so viele Muskeln hat.

Selbstakzeptanz anstelle von Selbstzweifeln!

Wollen wir, dass präpubertäre Kinder massenhaft sexualisierte Bilder von sich erstellen und versenden? Natürlich nicht. Und tatsächlich tun sie das auch normalerweise gar nicht. Die Beteiligung am Sexting steigt erst ab der Pubertät langsam mit zunehmendem Alter und dem Hineinwachsen in ein aktives Sexualleben. Genau wie das auch bei allen anderen sexuellen Ausdrucksformen der Fall ist. […]

Die Wahrscheinlichkeit für Sexting als Variante des intimen Austauschs erhöht sich vor allem dann, wenn Jugendliche eine romantische Beziehung eingehen und mit ihrem Freund oder ihrer Freundin Sex haben oder anstreben. Je nach individuellem Entwicklungsstand und sozialem Umfeld sind aber auch Jüngere zuweilen neugierig, wollen experimentieren, provozieren, den Großen nacheifern oder sind sich zuweilen auch wirklich nicht bewusst, welche Bilder sexuell wahrgenommen werden.

USA machen Jugendliche zu Sexualstraftätern

Was ist zu tun? Da Sexualerziehung in Deutschland aus guten Gründen nicht sexuelle Enthaltsamkeit fordert, […] sollten wir auch auf keinen Fall damit anfangen die Anti-Sexting-Kampagnen aus den USA zu kopieren. Und uns erst recht nicht an den Anti-Sexting-Gesetzen aus den USA orientieren, auf deren Basis in den letzten Jahren schon Hunderte von Teenagern wegen harmloser, einvernehmlich ausgetauschter Oben- oder Unten-Ohne-Bilder als Sexualstraftäter*innen verfolgt und teilweise rechtskräftig verurteilt wurden, da sie nach dortigem Gesetz „Kinderpornografie“ produzieren, verbreiten und/oder besitzen.

Lieber „Safer Sexting“ fördern

Stattdessen sollten wir in Europa auf der Basis der Menschenrechte den nicht-medialen wie den medialen selbstbestimmten und altersgerechten Ausdruck von sexueller Lust sowie die Freude an Körperlichkeit würdigen. Wir sollten die regelmäßig wiederauflebende „Moralpanik“ rund um eine angebliche „sexuelle Verwahrlosung der Jugend“ vermeiden und sollten konsequent „Safer Sex“ und „Safer Sexting“ fördern. Die Verantwortung dafür, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, liegt bei uns allen.

Sechs Empfehlungen für Eltern und Lehrkräfte zum Umgang mit Sexting:

  1. Einvernehmliches Sexting unter Jugendlichen ebenso wie einvernehmlichen Sex akzeptieren.
  2. Nicht-einvernehmliches Weiterleiten bloßstellender Bilder als Problem wahrnehmen.
  3. Unterstützung für Mobbing-Opfer verbessern.
  4. Verunglimpfung sexuell aktiver Mädchen als “Schlampen” entgegenwirken.
  5. Ausdrückliches Einverständnis für jede sexuelle Handlung verankern und dabei die Jungen stärker in die Pflicht nehmen
  6. Foto-Missbrauch in einer sozialen Gruppe nicht als Medienproblem abstempeln, sondern als Symptom grundlegender Konflikte behandeln.

 

Fazit:

Sexting gehört unter Jugendlichen dazu und solange dabei keine Grenzen überschritten werden, sollten weder Eltern noch die Medienwelt dagegen vorgehen. Es hilft Jugendlichen nicht nur die Beziehung zu vertiefen, sondern auch ihren eigenen Körper so zu akzeptieren, wie dieser ist. Dennoch können und sollten Eltern den aufklärenden Part übernehmen und ihre Kinder über die möglichen Risiken des sexuellen Bilderaustauschs aufklären.

 

Prof. Dr. Nicola Döring leitet das Fachgebiet für Medienpsychologie und Medienkonzeption am Institut für Medien und Kommunikationswissenschaft der Technischen Universität Ilmenau.

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