Ich sehe was, was Du nicht siehst!


Man möge meinen, Kino ist im Zeitalter von Raubkopien und Internet ein aussterbendes Medium. Das mag für bestimmte Altersklassen stimmen, doch gerade für Kinder unter 13 Jahren liegt Kino im Trend. Neben den wirtschaftlichen Vorteilen für die Filmwirtschaft spielt das Kino vor allem für Kinder und Jugendliche eine ganz besondere kulturelle und soziale Rolle: der Kinder- und Jugendfilm ist als sekundärer Sozialisierungsfaktor aus der heutigen Medienlandschaft nicht mehr wegzudenken.

Kinder und Jugendliche gehen an Kinofilme, wie auch an andere Medien, mit ihren subjektiven und noch nicht fest etablierten Deutungsmustern heran. Sie suchen in ganz besonderem Maße nach Orientierung, Lösungsvorschlägen und Hilfen für die Identitätsentwicklung. Dabei variiert das Rezeptionsverhalten in den verschiedenen Altersklassen enorm. Mit welchen Schemata ein Kind Filme rezipiert und welche Wirkung diese gegebenenfalls auf das Kind hat, ist jedoch nicht nur altersabhängig. Der individuelle Entwicklungsstand, die Vorerfahrung des Kindes sowie die Film- und Fernsehgewohnheiten, die sich innerhalb der Familie als primäre Sozialisationsinstanz etabliert haben, sind ebenso maßgeblich: „[…] Medien haben ihren festen Platz im Kommunikationsgefüge von Familien. Es geht dabei weniger um Inhalte, sondern vielmehr darum, welche Bedeutungen und Funktionen den Medien zugewiesen werden.“ (Iris Loos, Medienpädagogin). Das Filmerlebnis dient vor allem dem Abgleich von filmischer und eigener Realität und kann somit Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung haben.

Der „gute“ Kinderfilm fordert zur Auseinandersetzung mit der Umwelt und sich selbst heraus. Kinder müssen dabei nicht jeden Film durch alle Dimensionen hinweg verstehen. Sie können jedoch Erfahrungen sammeln und über Filmgrenzen hinaus Zusammenhänge zur Realität herstellen. Wichtig ist daher, vor allem bei Kinder- und Jugendfilmen, die Vermittlung von Werten und Einstellungen. Der Umgang mit Konflikten und Gefühlen sollte direkt oder indirekt vermittelt werden: „Ich glaube daran und unterstütze die Idee, dass wir Filme für Kinder machen müssen, in denen sie die Welt von ihrer lustigen wie von ihrer traurigen Seite kennen lernen. […] Grundsätzlich sind die besten Filme, die je gemacht wurden, Filme mit Kindern, über Kinder und über Erwachsene aus der Sicht von Kindern, denn sie sind nicht spekulativ.“
(Emir Kusturica, Filmregisseur)

Da Filme es uns möglich machen, über den Tellerrand zu schauen, ist Kino vor allem für Heranwachsende ein Fenster zur Welt. Bei der Vermittlung von Sekundärerfahrungen, etwa über andere Kulturen oder Minderheiten, können sie daher eine Sensibilisierungs- und Bildungsfunktion einnehmen. Bei der Wirkung von Filmen spielen Identifikation und Projektion mit Protagonisten und Inhalten eine wichtige Rolle. Es ist anzunehmen, dass Filme bei Kindern eine explizite Wirkung nach Außen haben, die etwa durch Anpassung von Rollen und Verhaltensweisen der Protagonisten sichtbar werden kann. Ob sich ein Film für ein Kind eignet, hängt daher auch stark von den „Helden“ der Geschichte ab.

Das experimentelle Medienprojekt „Medienkompetenz und Jugendschutz – Kinder und Jugendliche beurteilen die Wirkung von Kinofilmen” zeigte auf, dass bei Jugendlichen ein „beachtliches Wissen über jugendschutzrelevante Themen vorhanden ist.“ Auffällig dabei war auch, dass die befragten Kinder und Jugendlichen in Einzelfällen strengere Maßstäbe an die Freigabegrenzen zum Schutz von Jüngeren anlegten. Hauptfunktion des Kinos für die Jugendlichen war jedoch die Unterhaltung und weniger die kritische Auseinandersetung mit dem Filmstoff. Hier muss die inhaltliche Medienreflexion durch die Vermittlung von Medienkompetenz noch intensiviert werden. Der „gute“ Kinder- und Jugendfilm kann eine Möglichkeit sein, sich dieser Herausforderung zu stellen und die rasante Medienlandschaft mit positiven Akzenten zu gestalten.

Christina Schütze

Quellen:
www.kinofenster.de/filmeundthemen/ausgaben/kf9709/der_gute_geschmack_erziehungsmodell_medien/
https://www.uni-paderborn.de/fileadmin/kw/Institute/Erziehungswissenschaft/mepaed/downloads/herzig/Kinderfilm.pdf
http://www.spio.de/media_content/330.pdf