Cyber-Mobbing – Wege aus der Hilflosigkeit


Mobbing, neudeutsch für Hänseln, Schikanieren, ist vielen Menschen ein Begriff. Was früher Kinder und Jugendlichen lediglich auf dem Pausenhof passierte, verlagert sich seit geraumer Zeit zusätzlich ins Internet. Zum diesjährigen ‚Safer Internet Day‘ wagt medienbewusst.de-Reporterin Christine Döllner einen Blick in aktuelle Zahlen und stellt wichtige Anlaufstellen vor, bei denen sich Betroffene helfen lassen können.

Durch neue Medien können Schüler auch zu Hause Mobbing-Attacken erfahren. Laut der aktuellen JIM-Studie von 2009 gaben 30 Prozent der Mädchen und 19 Prozent der Jungen zwischen zwölf und 19 Jahren an, jemanden zu kennen, der schon mal im Internet „fertig gemacht“ wurde. Das sind im Schnitt 24 Prozent, also fast jeder vierte. Wie wichtig das Internet für die Kinder und Jugendlichen mittlerweile geworden ist, zeigt die durchschnittliche Onlinezeit von 89 bis 162 Minuten täglich, je nach Altersgruppe unterschiedlich ausfällt. Für viele Jugendliche ist es zudem ein Muss, in einem der zahlreichen sozialen Netzwerke registriert zu sein. 72 Prozent der Jugendlichen nutzen diese Angebote mehrmals pro Woche.

Harmlose Scherze in Schule und Freizeit sind eine Seite des Themas. Extremfälle, die alles andere als alltäglich sind, ihren Weg aber in Medien und Nachrichten finden, gibt es auch. Letztes Jahr fielen vor allem zwei davon auf: Wie die dpa meldete, hat sich in England Mitte September ein 15-jähriges Mädchen von einer Brücke gestürzt, nachdem es reihenweise bei Facebook und in der Schule gemobbt wurde. Erst wenige Wochen zuvor war in London eine 18-Jährige zu einer dreimonatigen Jugendhaftstrafe verurteilt worden, weil sie ihrem Mobbing-Opfer auf Facebook mit dem Tod gedroht hatte. Zusätzlich wurde ein Kontaktverbot für fünf Jahre verhängt.

Aber worin genau liegt der Reiz des Cyber-Mobbings? Hartmut Gähl, Lehrtrainer der Gewaltakademie Villigst, sieht das Internet als das Medium der Zeit für Kinder und Jugendliche. „Jugendliche können sich dort leicht ausprobieren. Sie können sich sogar hinter Nicknamen verstecken und müssen mit keiner Konsequenz rechnen. Face-to-Face ist das anders.“ Beispielsweise legen die Täter Profile für ihre Opfer angelegt, in denen erniedrigende, erfundene Angaben getätigt werden. Aber auch Beschimpfungen in Chats oder per Email, verfälschte Fotos oder Hass-Gruppen müssen die gemobbten Jugendlichen ertragen.

Katja Knierim, Referatsleiterin Chat, Messenger und Communities bei jugendschutz.net, rät den Betroffenen, sich Hilfe bei einem erwachsenen Ansprechpartner zu holen. „Als erstes sollten die Inhalte aus dem Internet verschwinden. Dazu muss der Betreiber der jeweiligen Seite kontaktiert werden.“ Wenn der Täter bekannt ist, sollten auch die Eltern oder die Schule informiert werden, um den zugrundeliegenden Konflikt zu lösen. Je nach Ausmaß des Mobbings, beispielsweise bei Androhung von Gewalt oder bei der Verletzung von Persönlichkeitsrechten, kann auch die Polizei eingeschaltet werden. In jedem Fall kann sich eine Person alleine gegen solche Angriffe nicht wehren, dazu braucht sie Unterstützung. Und die ist auch im Internet zu finden.

Ein aktuelles Beispiel für Sicherheit im Netz im Allgemeinen und Cyber-Mobbing im Speziellen, ist der Safer Internet Day am 9. Februar. Seit 2004 wird der weltweite Aktionstag von der  Europäischen Union initiiert. Teilnehmen kann jeder, Veranstalter sind oft Schulen, Kinder- und Jugendeinrichtungen. Die Koordination der Veranstaltungen übernimmt die Initiative klicksafe.de, welche von der EU unterstützt wird.

Gegen Angriffe in sozialen Netzwerken arbeitet unter anderem die Initiative „saferinternet“. Die österreichische Kampagne setzt sich für Sicherheit der Daten und gegen Cyber-Mobbing ein. Betroffene und deren Angehörige können sich dort Hilfe holen und beraten lassen. Aber auch Lehrerinnen und Lehrer können Informationen bekommen, um einen betroffenen Schüler zu unterstützen oder um eine Mobbingatmosphäre in der Klasse erst gar nicht aufkommen zu lassen. Wie in den meisten Fällen ist auch hier Vorsorge angebracht.

Eine weitere Plattform gegen Mobbing gibt es von Seitenstark – einer Arbeitsgemeinschaft vernetzter Kinderseiten. In einer eigens für dieses Thema eingerichteten Rubrik steht ebenfalls der Austausch von Betroffenen im Vordergrund. Seit Februar 2007 gibt es die Aktion „Mobbing – Schluss damit!“, die aus drei Teilen besteht: Der Befragung von Schülern, Eltern und Lehrern, einem Erzählforum, in dem Mobbingerlebnisse aufgeschrieben werden können und einem Wettbewerb, in dem die kreativsten Ideen gegen Mobbing gesucht werden. Besonders an dieser angebotenen Seite ist sicherlich der wöchentliche Expertenchat, bei dem Kinder mit Kindern und einem Erwachsenen über Erfahrungen diskutieren können. Neben den drei vorgestellten Initiativen gibt es noch viele mehr. Betroffene Kinder werden mit ihrem Problem nicht alleine gelassen, sie müssen nicht hilflos zusehen, sondern können sich wehren und Hilfe nicht nur suchen, sondern auch finden.

Christine Döllner / dpa

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