Das Ende der Super Nanny


Nach nunmehr sieben Jahren wurde die Coaching-Doku „Die Super Nanny“ mit Katja Saalfrank im November 2011 eingestellt. Wenn Eltern bei der Kindererziehung nicht weiter wussten, war die Super Nanny zur Stelle. Pädagogin Katja Saalfrank quartierte sich für eine Woche bei einer Familie ein und versuchte, das Leben der Familie wieder in geregelte Bahnen zu lenken. Wie nützlich und hilfreich Saalfranks Sendung nun letztendlich war, hat sich medienbewusst.de einmal näher angeschaut.

Sinn und Zweck derartiger Fernsehformate

Alle Bereiche des beruflichen oder privaten, intimen Umfeldes können mittlerweile mit der gesamten Fernsehnation geteilt werden – Schönheitsoperationen, Frauentausch oder die Suche nach dem richtigen Lebenspartner. Im Jahr 2004 startete RTL mit der Sendung Die Super Nanny in eine neue Fernseh-Ära und gewährte ganz private Einblicke in die elterlichen Probleme mit der Kindererziehung. Laut RTL soll das Format Super Nanny den betroffenen Familien einerseits Hilfestellungen bieten, andererseits aber auch dem Zuschauer, anhand von unterschiedlichen Fällen, Lösungsansätze für Probleme in der eigenen Familie aufzeigen. Dennoch schien es allzu häufig so, als sei RTL jedes noch so zweifelhafte Mittel recht, um das gesteckte Ziel zu erreichen. Die Tatsache, dass man für die Sendung auf dramatische und emotionale Inszenierungsmittel zurückgreift, um den Zuschauer zu beeinflussen, ist unübersehbar. Den Preis für die hohen Einschaltqouten von RTL zahlen dabei die Kinder. Damit sorgte Katja Saalfrank in ihrer Rolle der Super Nanny immer wieder für Diskussionsstoff.

Die Super Nanny zu Besuch bei einer Familie

Auch die Super Nanny hat Fehler

Problematisch ist die Sendung insbesondere für die gezeigten Kinder und Jugendlichen, da sie in allen Lebenssituationen von einem Kamerateam begleitet werden. Die Kamera filmt sie, wenn sie schreien, weinen und verzweifelt sind. Um diesen Szenen noch mehr Dramatik zu verleihen und Millionen von Zuschauer vor die Fernsehgeräte zu locken, werden die Szenen emotional aufbereitet und mit entsprechender Musik untermalt. Darüber hinaus werden problematische Stereotypen geschaffen – sowohl auf Seiten der Kids als auch der Eltern. Kinder werden generell als böse, nervig und verhaltensgestört dargestellt. Die Eltern dagegen machen aus Sicht der Super Nanny immer Fehler und behandeln ihre Kinder lieblos. Die Tipps der Nanny beschränken sich auf Regeln und Konsequenzen, sie stülpt ihr Regelwerk über jede Familie, ohne individuelle Anpassung und frei nach dem Motto „Eltern ordnen an, Kinder gehorchen“. Falls ein Kind nicht gehorchen sollte, wird das Allheilmittel der sogenannten stillen Treppe oder des stillen Zimmers angewandt. Dort muss das Kind ausharren bis es zur Vernunft gekommen ist. Es findet keine Diagnostik kindlicher Entwicklungsprozesse statt und unangebrachtes Verhalten ist grundsätzlich behandlungsbedürftig.

Folgen der Super Nanny für die Kinder

Schadet etwa die öffentliche Zurschaustellung des angeblich gestörten Familienlebens den Teilnehmenden eventuell mehr, als dass sie ihnen nützt? Aus medienpädagogischer Sicht lässt sich das Erziehungs-TV kaum als eine Bereicherung einstufen. Die Kinder werden bloßgestellt und benutzt, um mit ihnen eine gute Quote zu erzielen. Je problematischer die Familie, desto besser die Quote. Die Folge ist eine langfristige Stigmatisierung der Betroffenen. Wie wird das Kind nach Ausstrahlung der Sendung im Kindergarten behandelt oder in der Schule, nachdem es in Extremsituationen im Fernsehen zu sehen war? Kinder sehen ein verzerrtes Bild vom Familienleben und stellen ihre eigene Familie und ihre Eltern in Frage. Zudem spielen die Rechte der Kinder aus Sicht der Produzenten nur eine untergeordnete Rolle. Dies hat auch die Kommision für Jugendmedienschutz kritisiert und stufte die Sendung als problematisch ein. Nach der Sendung vom 5. Mai 2010 verhängte sie ein Bußgeld in Höhe von 30.000 Euro wegen Verletzung der Menschenwürde. In dieser Sendung wurde ein 5-jähriges Mädchen mehrfach von ihrer Mutter vor laufender Kamera geschlagen, ohne dass das anwesende Kamerateam eingegriffen hätte. Außerdem vermittle die Sendung, dass komplexe Erziehungsprobleme mit den Kindern innerhalb weniger Tage zu lösen seien.

Boom der Erziehungssendungen

Dass ein großer Informations- und Beratungsbedarf besteht, zeigen weitere Sendungen wie Erwachsen auf Probe (RTL), Die Superlehrer (Sat. 1), Die strengsten Eltern der Welt (Kabel 1) sowie Jugendcoach Oliver Lück (Sat. 1). Neben der passenden Fachliteratur sollten Eltern aber durchaus auch auf ihre eigenen Erziehungskompetenzen vertrauen. Falls tatsächlich einmal enorme Familienprobleme auftauchen, ist es ratsam, lokale oder seriöse Beratungsstellen im Internet aufzusuchen, was wesentlich erfolgsversprechender ist als die Super Nanny und ihre Fernsehkollegen. Denn Respekt vor Kindern und Eltern sollte an erster Stelle stehen.

Judith Neiber

Bildquelle:
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