„Kindheit ist ein so schützenswertes Gut“


Gerhard Schöne ist wohl einer der bekanntesten Liedermacher, dessen Texte sich bei Jung und Alt großer Beliebtheit erfreuen. Seine Werke gelten als pädagogisch wertvoll. Für sein Schaffen hat er schon mehrere Auszeichnungen erhalten, so z.B. die Leo-Kestenberg-Medaille für schulische Musikerziehung. Schöne gibt jährlich ungefähr 100 Konzerte und ruht sich nicht auf seinen alten Projekten aus, sondern versucht weiterhin aktiv und vor allem kreativ zu bleiben.

Was hat Sie dazu inspiriert Musik für Kinder zu machen und woher schöpfen Sie noch heute Ihre Ideen?

Ich hab ziemlich zeitig angefangen. So mit 12 oder 13 Jahren entstanden die ersten eigenen Lieder. Da waren das natürlich eher Gedanken eines Kindes, die da in den Liedern auftauchten. Als ich anfing das Ganze beruflich zu machen, kam ich ab und zu in die Verlegenheit auch mal für Kinder einen Auftritt zu gestalten. Und dann hab ich so eine handvoll Lieder gehabt, die eher witzig waren, so Wortspiele und sowas. Irgendwann fing ich an mir ernsthaft Gedanken zu machen, wie ich Programme für Kinder ‚bauen‘ könnte. Meine Gedanken gingen in die Richtung, was ich davon verantwortungsvoll in ein Kinderlied packen kann. Zunächst sind die Lieder in Erinnerung an die eigene Kindheit entstanden. Eigene Kinder hatte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, das kam erst später. Meine größte Inspiration ist nach wie vor die Erinnerung an die eigene Kindheit.

Sie beschreiben auf Ihrer Homepage gerhardschoene.de Ihre Lieder als „Lebenszeichen. Sie sollen ansingen gegen alles, was Leben einschränken oder verhindern will, in uns und um uns herum.“ Was genau meinen Sie damit, gegen was sollen sie „ansingen“?

Ich will all dem, was Leben bejaht, Leben befördert, in Liedern und gesungenen Geschichten eine Stimme geben. Das kann von antimilitaristisch, friedensliebend über alle möglichen Borniertheiten Menschen gegenüber, die anders sind und Liebe allem Leben gegenüber gehen. Einer meiner großen Helden aus meiner Kindheit ist Albert Schweitzer, welcher die ‚Lehre der Ehrfurcht vor allem Leben‘ den Menschen ins Herz reden und schreiben wollte. Das finde ich sehr überzeugend. Man sollte abwägen, was unbedingt für das eigene Leben notwendig ist und was zurückgegeben wird an guten lebensfördernden Impulsen, ob das nun Gedanken oder Taten sind, ist egal.

Es geht darum, das Gleichgewicht zu erhalten. Wenn ich internationale Kinderlieder singe, muss ich keine großen Worte wählen, wie: ‚alle Menschen haben ein Recht auf Nahrung, Leben, Frieden‘ usw., sondern man hört das den Liedern an. Ich muss nicht theoretisieren oder irgendwelche komischen Floskeln von mir geben, sondern durch das Praktizieren von internationalen Gedankengut oder spielerischen Ideen kommt das ohnehin irgendwie so rüber.

Sie geben jährlich 100 Konzerte verschiedener Art, so zum Beispiel das Wunschkonzert. Haben Sie an allen Ihren Auftritten gleich viel Spaß oder haben sie eine Art Lieblingsprogramm?

Ich habe mich immer ausprobiert. Wenn man das beruflich über lange Jahre macht, ist die Gefahr groß, zum lebenden Schallplattenspieler zu werden beziehungsweise dass man sich dauernd wiederholt und das Gleiche erzählt. Um dagegen anzukämpfen und nicht so eine Singpuppe auf der Bühne zu sein und den eigenen künstlerischen Horizont zu erweitern, ist es gut, immer mal mit anderen Kollegen zu arbeiten, ob das Clowns sind, verschiedene Musiker oder Tänzer. An meinen Konzerten ist mir nicht nur das Singen wichtig, sondern die Gemeinschaft zu den Menschen, die Atmosphäre zwischen den Leuten und mir und dass die Anwesenden auch mal einbezogen werden. Nicht dass ich das Publikum nötigen will, aber man kann ja versuchen Leute intelligent und witzig zu beteiligen.

Beim Wunschkonzert darf das Publikum aus 123 Liedern drei auswählen und diese dann zu Ihnen per Papierflugzeug auf den Weg schicken. Was sind die beliebtesten Lieder Ihrer Zuhörer?

Unter den Kinderliedern ist es ‚Jule wäscht sich nie‘ und ‚Der Popel‘ und von den älteren Liedern kommt dann z.B. ‚Die Alte auf der Schaukel‘. Im Grunde genommen meine ersten Lieder. Die erste Platte, die 1981 entstand, war zu DDR-Zeiten etwas Besonderes für einige Menschen. Viele hängen sehr an dieser ersten Platte und finden die neueren Sachen nicht so gut. Wenn man beispielsweise das erste eigene Zimmer besingt oder die erste große Liebe und die Zuhörer sich damit identifizieren können, sich im Einklang mit den Sängern befinden, dann ist klar, dass das, was man da tut, auf fruchtbaren Boden fällt.

Haben Sie persönliche eigene Favoriten, die Sie immer gerne bringen?

Das wechselt oft. Meist sind es neuere Lieder. Es ist eine Herausforderung für mich Lieder, wie ‚Jule wäscht sich nie‘ so zu gestalten, dass ich selbst noch Spaß daran habe und es mir nicht langweilig wird. Ich persönlich mag eher die stillen und nachdenklichen Lieder, die meine eigene Gefühlslage wiederspiegeln.

Kommen wir nochmal auf das Wunschkonzert zu sprechen. Es ist bekannt, dass auch Sie dort Wünsche an Ihr Publikum haben. Was sind das für Wünsche?

Da spiele ich beispielsweise eine Szene aus meiner Kindheit, wie ich von meiner Mutter und meiner Tante auf einer langen Reise nach Hause von der Ostsee nach Berlin im Zug allein gelassen werde, weil beide verschwinden, um schnell noch was zu trinken zu holen. Und dann fährt der Zug weiter. Ich spiele dann diese Szene als Clown und noch weitere Szenen aus meiner eigenen Kindheit als kleiner Gerhard. Und ich bitte die Leute dann bei dieser Szene auf ein Lichtsignal hin immer die passenden Geräusche zur Szene zu machen: Quietschen des Zuges, Ostseerauschen, das Schreien der Möwen, Autogeräusche, Abschied oder Begrüßung auf dem Bahnhof und so weiter.

Ihre neuste Veröffentlichung ist das Hörbuch „Wenn Franticek niest“. Hier haben Sie sich Geschichten zu Bildern Ihres kleinen Sohnes Jona ausgedacht. Was hält ihr Sohn von ihrer Interpretation seiner Bilder?

Voranstellen muss ich, dass ich meinen Sohn fast nie gefragt habe: ‚Was soll das bedeuten?‘, weil ich gelesen habe, es soll besser sein, Kinder machen zu lassen und sie nicht um Erklärungen zu bitten, weil sie dann schon denken: ‚Oh, jetzt muss ich das gleich wieder erklären, dazu hab ich keine Lust‘. Das schränkt sie dann in ihrer Kreativität ein und deshalb habe ich mir meine eigenen Gedanken gemacht. Manchmal hab ich etwas völlig falsch interpretiert, wo er was ganz anderes meinte. Aber über die Geschichten hat er sich fast immer gefreut, bis auf Eine. Da habe ich zu einem Bild, was einen Indianer darstellt, frei nach ‚Der Wolf und die sieben Geißlein‘ mir eine Geschichte über einen Indianerfänger ausgedacht, der kleine Kinder fängt und an Zirkusse verkaufen will. Die fand er blöd. Dann hab ich zum gleichen Bild eine zweite Geschichte geschrieben und diese hat ihm dann gefallen. Die ist dann nicht so böse, sondern da fliegt ein junger Indianer mit den Wildgänsen davon.

Was halten Ihre Kinder ganz allgemein von Ihren Arbeiten?

Also ich hab eine große Tochter, die ist 24. Als sie klein war, hat sie mich begleitet und wenn andere Kinder kamen, hat sie sich an mich angeschmiegt, um sozusagen zu zeigen, dass ich ihr gehöre. Später hatte sie dann einen anderen Geschmack und die Lieder nicht mehr gehört und erst als sie so in die achte Klasse ging, kamen größere Schüler ihrer Schule und fragten sie: ‚Was, du bist die Tochter von Gerhard Schöne? Kennst du das und das?‘ Und dann dachte sie, dass das doch gar nicht so schlecht zu sein scheint und hat sich das mal wieder angehört. Und den Kleinen, zwischen sechs und zehn Jahren, denen nötige ich nicht meine Kinderlieder auf. Sie hören sich neben anderen CDs auch meine an und haben dann ab und zu Fragen. Es läuft aber nicht andauernd, sondern eher gleichberechtigt mit anderer Musik. Sie lehnen es weder ab, noch hören sie es richtig oft, aber ich denke, sie finden es schon ganz gut.

Sie haben schon diverse Auszeichnungen bekommen, so z.B. den Medienpreis Leopold oder die Leo-Kestenberg-Medaille. Was bedeuten solche Auszeichnungen für Sie?

Es schmeichelt, wenn man sowas bekommt. Bei Preisverleihungen lernt man interessante Leute kennen, aber eigentlich bedeutet es mir doch herzlich wenig. Ich häng mir das nie hin, sondern das ist dann eher in einer Kiste vergraben. Viel wichtiger ist es mir kreativ zu bleiben, die Antennen auszufahren, sensibel für Themen zu sein oder wie ich Themen, die ja eigentlich auf der Straße liegen, so anpacke, dass sich die Leute dafür interessieren.

Ihre Werke werden unter anderem als pädagogisch wertvoll und gesellschaftskritisch beschrieben. Was sagen Sie dazu?

Ich denke beim Schreiben von Kinderliedern überhaupt nicht daran, dass ich die Kinder pädagogisch belehren oder richtig erziehen möchte. Bei ‚Jule wäscht sich nie‘ war es überhaupt nicht meine Absicht den Kindern zu sagen: ‚So ihr Lieben, müsst euch aber fein waschen, sonst geht es euch wie der Jule‘. Das find ich eher peinlich. Ich mag es gern Geschichten zu erzählen, besonders in Liedern. Das ist ja etwas sehr kurzes und kompaktes so ein Lied, wo man sehr schnell zur Sache kommen muss. Trotzdem kann man sich Kontraste erlauben, das Eine dem Anderen gegenüberstellen. Die Musik macht es dann, dass die Geschichte nicht nur durch den Kopf geht, sondern die Leute auch mit Gefühl dabei sind.

Besonders zu DDR-Zeiten konnte man als Künstler nicht anders, als zu überlegen, wie verhalte ich mich einem Staat gegenüber, der sich viele positive Sachen auf die Fahne geschrieben hat, wie es jedoch wirklich aussah, war eher fragwürdig. Es war also ein Hin und Her zwischen ‚Wie verhalte ich mich richtig?‘ und ‚Wie sehr passe ich mich an?‘ Ich weiß, wenn ich zu weit gehe, bekomme ich ein Berufsverbot oder fliege raus. Ich wurde dann ja auch zu irgendwelchen unangenehmen Gesprächen eingeladen. Da stimmt das mit dem gesellschaftskritisch schon auch, ja.

Wie schätzen Sie den Stellenwert von Kindern in der heutigen Gesellschaft ein?

Ich erlebe an den eigenen Kindern und auch an den Kindern, die mir zuhören, dass Kindheit ein so wertvolles Gut ist, das schützenswert ist und sehr bedroht ist. Kinder haben zu schnell einen Terminkalender, stehen zu schnell unter Erwartungs-, Erfolgs und Leistungsdruck, auch durch die verängstigten Eltern, die dann befürchten, dass ihre Kinder keinen richtigen Beruf bekommen. Auch das Spielen, das zur Kindheit gehört, ist schützenswert.

Welche Spielräume gibt es noch? Gerade die Medien betreffend ist das Leben aus zweiter Hand: Das riecht nicht, das fühlt sich nicht an, das ist hinterm Bildschirm oder im Lautsprecher drin. Wie viel darf man davon überhaupt zulassen? Wo ist das Wilde, was Kinder bearbeiten sollten? Wo ist der Schlamm, das Wasser, die Tiere, der Geruch, der Gestank, alles sowas? Diese elementaren Erfahrungen, die Kinder erst einmal kennenlernen müssen und mit denen sie umgehen müssen, die werden immer bracher und deshalb sorge ich mich um dieses wertvolle Gut Kindheit.

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?

Übernächstes Jahr werde ich 60. Da bin ich schon dankbar, wenn ich ein treues Publikum habe und wenn Leute sich wirklich interessieren, obwohl ich das schon so lange mache. Ich bin dankbar, wenn mir neue Ideen kommen. Im Herbst habe ich beispielsweise wieder neue Lieder zum Thema ‚Briefe schreiben‘ geschrieben. Wenn sich die Leute dafür interessieren, sich darauf einlassen, dann kann ich schon sehr dankbar sein, deshalb hab ich jetzt nicht mal große Pläne. Ich bin froh, wenn mir noch genügend Gutes einfällt und wichtig ist mir auch, immer mal mit interessanten neuen Partnern zusammenzuarbeiten. Das fortzuführen, was ich ohnehin schon mache, das ist mein Zukunftsplan. Und auch den richtigen Moment zu erspüren, wenn es sich gehört, aufzuhören.

medienbewusst.de bedankt sich bei Gerhard Schöne für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.

Isabell Schulz

Bildquelle:
© www.gerhardschoene.de