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Reinhard Middel: Warum Filmbildung in die Lehrerausbildung gehört

Ein Elternteil und ein Kind filmen gemeinsam eine selbst gebaute Stop-Motion-Szene mit einer kleinen Kamera auf dem Balkon.
Wer mit seinem Kind selbst einen Film dreht, übt genau das, wofür 2012 in der Lehrerausbildung der feste Platz fehlte.

2012 forderte Medienpädagoge Reinhard Middel im Interview, Film fest in die Lehrerausbildung aufzunehmen. Was aus dem Gelsenkirchener Pilotprojekt wurde und was dafür heute gilt.

Ein dreitägiges Pilotseminar sollte 2012 Referendare am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung in Gelsenkirchen auf den Unterricht mit Film vorbereiten - ein Baustein, der laut dem befragten Medienpädagogen in der regulären Ausbildung fehlte. Vom Seminar selbst ist auf der Startseite des Ausbildungszentrums heute nichts mehr zu finden. Für Schulen und Familien gibt es in Nordrhein-Westfalen inzwischen einen landesweiten Medienkompetenzrahmen, der ausdrücklich auch Eltern einen eigenen Bereich gibt. Ob die Lehrerausbildung Filmbildung heute verbindlich vorsieht, ließ sich nicht klären.

Wer Reinhard Middel ist

Reinhard Middel hat nach eigener Vita bei VISION KINO eine Frankfurter Film- und Kinosozialisation zwischen kommunalem Kino, Filmmuseum und Programmkinos durchlaufen und parallel Lehramt für Deutsch, Sozialkunde und Ethik/Philosophie mit Zusatzfach Film und Medien studiert. Seit 2006 arbeitet er als freier film- und medienpädagogischer Mitarbeiter bei VISION KINO und daneben als Prüfer beziehungsweise Gutachter bei der FSK und der FSF.

2012 war er für VISION KINO an einem Modellprojekt beteiligt, das Lehramtsanwärter in Gelsenkirchen für den Unterricht mit Film qualifizieren sollte. Das folgende Interview gibt seine damalige Einschätzung wieder, danach steht, was sich seither geändert hat.

Das Interview im Wortlaut (2012): Warum Filmbildung in die Lehrerausbildung gehört

Am Zentrum für schulpraktische Lehrerausbildung Gelsenkirchen wurde jetzt ein Modellprojekt zur Filmbildung für Lehramtsanwärter durchgeführt. medienbewusst.de sprach mit Reinhard Middel über Zielsetzungen und Inhalte des dreitägigen Ausbildungsangebots. Er ist medienpädagogischer Mitarbeiter von Vision Kino. Vision Kino ist neben der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen (FSF) und der Initiative Film + Schule NRW an Entwicklung und Durchführung des Projekts beteiligt.

Herr Middel, warum wurde dieses Angebot für Pädagogen ins Leben gerufen?

Es fehlt die verbindliche Verankerung film- und medienpädagogischer Basisqualifikationen in den Lehramtsstudiengängen und den anschließenden Ausbildungsphasen. Deshalb muss an der Entwicklung von Film- und Medienkompetenz sowohl in den Bildungswissenschaften, als auch in der fachbezogenen Lehrerausbildung angesetzt werden.

Unser Filmbildungsangebot versteht sich als ein Beitrag, der modellhaft erproben möchte, wie sich Referendarinnen und Referendare innerhalb ihrer Ausbildung Fächer übergreifend qualifizieren können. Um Film- und Medienprodukte gemeinsam mit Schülern analysieren, reflektieren und handlungsorientiert nutzen zu lernen, bedarf es der Erarbeitung methodisch-didaktischer Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Was kann man sich unter den einzelnen Modulen vorstellen?

In dem ersten eintägigen Modul wird zunächst ein Einblick in die bildnerische Bedeutung des Mediums und seine geschichtliche Dimension vermittelt. Es werden hier bildgestalterische und filmanalytische Grundlagen erarbeitet, sowie elementare didaktische Möglichkeiten zum Lernen mit und über Film vorgestellt.

Dies umfasst medienspezifische Ausdrucksformen und Hinweise, wie Film auf der Basis vorhandener Fachcurricula unterricht werden kann. Außerdem geben wir Tipps, welche Unterstützungsangebote, Medien- und Materialbeschaffungsmöglichkeiten, rechtlichen Rahmenbedingungen etc. es gibt.

Unter dem zweiten Modul kann man sich Workshops mit stärkerer Praxisorientierung vorstellen. Mit Hilfe diverser Aufgabenstellungen werden hier Grundmuster der Dramaturgie erschlossen, einige elementare filmische Gestaltungsmittel wie Montage, Farbe und Licht vertieft. Sie werden an der Kamera bzw. mit dem Fotoapparat immer wieder auch praktisch geübt, bevor am Beispiel eines ausgewählten Films („Billy Elliot“) relevante Analysemöglichkeiten angewendet werden.

Von der Themenfindung, über die Storyentwicklung, bis hin zum Filmen im Kameraschnitt wird im abschließenden Teil die kreative Herstellung eines kleinen filmischen Produkts erprobt. Schnitt- und Montageübungen, sowie Bild-Ton-Neukompositionen schließen dieses zweitägige Modul produktionsorientierter Filmbildung ab.

Annahme beim ersten Durchlauf und Blick nach vorn

Wie wurde das Angebot von den Lehrern angenommen?

Die Module wurden von den Referendaren recht unterschiedlich angenommen. Das von deutlich mehr Teilnehmern besuchte erste Modul, konnte die Erwartungen nach schulalltagstauglichen Anleitungen wohl nicht im erhofften Maße erfüllen.

In diesem Kontext zeigte sich, dass etwa angehende Fachlehrer für Wirtschaft, Bauwesen, Biologie und Chemie zentrale Modulinhalte wie Filmanalyse, audiovisuelle Alphabetisierung, Film gestalten etc. für weniger unterrichtsrelevant halten wie Lehrer bestimmter medienpädagogischer Kernfächer. Das zweitägige Folgemodul mit seiner größeren Variation von praktischen und kooperativen Lernformen, wurde nach meiner Wahrnehmung von den meisten sehr positiv angenommen.

Was sind Ihre Erwartungen an die Umsetzung in schulischen Alltag?

Die Bereitschaft der Referendare, das Angebot fakultativ wahrzunehmen, stimmt mich optimistisch. Besonders im Praxismodul wurde ihr Interesse deutlich, Film im Unterricht nicht nur im klassischen Sinne als Instruktionsfilm und Türöffner zu Themen einsetzen. Sie wollen auch selber gestalten und methodisch sinnvoll in den eigenen Unterricht integrieren. Die „Jäger und Sammler“ haben von Methoden, Ideen und Materialien im Verlauf der Ausbildungstage meines Erachtens hinreichend viel mitnehmen können. Vor allem Anleitungen zum praktisch-kreativen Arbeiten mit Filmen, die mit einfachen Mitteln im handlungsorientierten Unterricht umgesetzt werden können.

Wird dieses Projekt künftig öfter stattfinden?

Das Modellprojekt wird nach der jetzt abgeschlossenen Durchführung der Module evaluiert und ausgewertet. Zielsetzung ist, dass die im Projekt erprobten Filmbildungsbausteine nach Möglichkeit auch andernorts Bestandteil der Lehrer- und Fachleiterausbildung werden. Um das Projekt kontinuierlich weiterzuentwickeln, bedarf es des personellen, sachlichen und finanziellen Engagements von Einrichtungen in den Ländern.

Ihre Aufgabe ist es, den Medienbildungsbeschluss der Kultusministerkonferenz nun auch entsprechend umzusetzen. Darin heißt es: „Die grundlegende Ausbildung für Lehrkräfte muss fortgeführt und ergänzt werden durch entsprechend bedarfsgerechte Qualifizierungs- und Fortbildungsangebote, in denen Medienkompetenz und medienpädagogische Kompetenzen für bestimmte Anwendungssituationen und Aufgabenstellungen im Zusammenhang von Schule und Unterricht vermittelt und erworben werden können.“

medienbewusst.de bedankt sich bei Reinhard Middel für das Interview und wünscht für die Zukunft noch viel Erfolg.

Was heute gilt: Medienkompetenz als gemeinsame Aufgabe

Was aus dem Gelsenkirchener Pilotprojekt am Ende wurde, lässt sich nicht mehr nachvollziehen: Die Startseite des Zentrums für schulpraktische Lehrerausbildung Gelsenkirchen nennt das Format heute nicht mehr. Ob die Lehramtsausbildung in Nordrhein-Westfalen verbindliche Filmbildung inzwischen vorschreibt, konnte die Redaktion mit den erlaubten fünf Quellen nicht klären - dazu fehlt eine Primärquelle zur Lehramtsprüfungsordnung.

Für Schulen selbst gibt es inzwischen einen landesweiten Rahmen: den Medienkompetenzrahmen NRW. Er legt Kompetenzbereiche fest, mit denen Kinder lernen sollen, sich kritisch und kreativ mit Medien zu beschäftigen und Medien sinnvoll einzusetzen - und er nennt die Begleitung zu Hause ausdrücklich als Aufgabe der Eltern, mit einem eigenen Bereich „Eltern(arbeit)/Familien“.

Reinhard Middel selbst ist nach eigener Angabe bis heute bei VISION KINO aktiv - der Organisation, die 2012 das Gelsenkirchener Modellprojekt mitgetragen hat. Wer mit dem eigenen Kind etwas von der damaligen Praxisarbeit nachbauen will, braucht dafür keine Lehrerfortbildung: Ein kurzer selbst gedrehter Film funktioniert auch am Küchentisch oder auf dem Balkon.

Was Sie als Eltern daraus mitnehmen können

  1. Nachfragen, was die Schule plant

    Fragen Sie beim Elternabend oder im Medienkonzept der Schule nach, ob und wie Filmbildung oder Medienprojekte vorkommen. Ein Blick in den Medienkompetenzrahmen NRW zeigt, welche Kompetenzbereiche dafür vorgesehen sind.

  2. Selbst eine kleine Filmidee ausprobieren

    Ein Handy, ein paar Spielfiguren und eine ruhige Fläche reichen für eine erste Stop-Motion-Szene. Die Technik ist zweitrangig - wichtig ist, dass Ihr Kind selbst gestaltet statt nur zu konsumieren.

  3. Über das Gesehene sprechen

    Fragen Sie nach einem Film oder einer Serie, was Ihrem Kind daran gefallen hat und warum. Genau diese Reflexion wollte das Gelsenkirchener Modul Referendaren vermitteln - sie funktioniert auch zu Hause.

  4. Angebote von VISION KINO nutzen

    Für Schulklassen gibt es SchulKinoWochen und Unterrichtsmaterial von VISION KINO; einen Teil der Filmbesprechungen und Hintergründe finden auch interessierte Eltern auf kinofenster.de.

  5. Elternangebote des Medienkompetenzrahmens ansehen

    Im Bereich „Eltern(arbeit)/Familien“ des Medienkompetenzrahmens NRW sind Angebote wie klicksafe gebündelt, die sich gezielt an Familien richten.

Zum Mitnehmen

Woran Sie sich halten können

Vier Punkte aus Interview und heutigem Rahmen:

  • Medienkompetenz ist laut NRW-Rahmen eine gemeinsame Aufgabe von Schule und Elternhaus.Der Medienkompetenzrahmen NRW nennt die Begleitung zu Hause ausdrücklich als Elternaufgabe.
  • Fragen Sie konkret nach, statt nur zu vermuten.Ob Filmbildung an der Schule Ihres Kindes vorkommt, lässt sich am Elternabend oder im Medienkonzept klären.
  • Selbst gestalten wirkt stärker als nur zusehen.Das war schon 2012 der Kern des Gelsenkirchener Moduls - ein eigenes kleines Filmprojekt lässt sich auch privat umsetzen.
  • Veraltete Projektseiten nicht als aktuellen Stand nehmen.Die ursprüngliche Projektseite des Modellprojekts ist nicht mehr auffindbar - für aktuelle Angebote an Schulen und für Familien bietet der Medienkompetenzrahmen NRW Orientierung.

Wie Kinder selbst zu Trickfilm, Foto und Podcast kommen, steht unter Trickfilm, Foto und Podcast: Medien selbst gestalten. Einen Überblick über Medienkompetenz als Ganzes gibt die Seite Medienkompetenz und Medienbewusstsein.

Zuletzt geprüft am 05.10.2026

Quellen

Redaktioneller Stand

Geprüft am
05.10.2026
Geprüft von
Redaktion medienbewusst.de
Belege
4 Quellen, unten vollständig aufgeführt
Wiedervorlage
04.10.2028

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