Musik als Einstiegsdroge in die rechtsextreme Szene?


Musik hat in unserer Gesellschaft einen besonderen kulturellen Stellenwert. Gerade für Jugendliche ist Musik in der Phase der Identitätsfindung besonders wichtig. Dieses Potenzial haben allerdings auch Rechtsextremisten erkannt. „Musik ist das ideale Mittel, Jugendlichen den Nationalsozialismus näher zu bringen, besser als das in politischen Veranstaltungen gemacht werden kann, kann damit Ideologie transportiert werden“, so Ian Stuart, Begründer der rechtsextremistischen Blood-and-Honour-Bewegung.

Rechtsextremistische Musik ist durch aggressive, rassistische, antisemitische und antidemokratische Liedtexte gekennzeichnet, die rechtsextremistische Argumentationsmuster und Feindbilder popularisieren. Seit einigen Jahren wird diese Musik gezielt zur Werbung von Jugendlichen eingesetzt. Die NPD führte seit 2004 mehrere gezielte Verteilaktionen der so genannten Schulhof-CD im Wahlkampf durch. Solche Musik gelangt aber auch durch einschlägige Versandhandlungen im Internet über den Download auf entsprechenden Webseiten und durch Tauschbörsen in die Hände von Jugendlichen. Aber auch der „Unter-der-Hand-Vertrieb“ spielt eine große Rolle, da über ihn besonders indizierte CDs verbreitet werden.

Musik wird als „Einstiegsdroge“ in die rechtsextremistische Szene bezeichnet. Doch welches Potenzial hat diese Musik wirklich? „Man wird nicht über das Hören von rechtsextremer Musik rechtsextrem“, sagt Anne Broden, Projektleiterin des Informations- und Dokumentationszentrums für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW). Medien spielen aber dennoch eine wichtige Rolle bei der Annäherung an die rechtsextreme Szene. Durch sie entstehen erste Kontakte. Anne Broden ist überzeugt, dass gerade Rechtsrockkonzerte und vor allem verbotene Konzerte „etwas bedienen, was Jugendliche suchen, nämlich Spaß und das Austesten von Grenzen.“ Konzerte sind für den Zusammenhalt der Szene von großer Bedeutung. Sie vermitteln das Gefühl von Zusammengehörigkeit. Genau dies ist vermutlich einer der Gründe, warum Jugendliche in die rechtsextreme Szene abrutschen können. „Wenn man bedenkt, dass diese Jugendlichen sich in der Pubertät befinden, wo man nach Identität, Orientierung, Halt und Zugehörigkeit sucht, dann kann so eine Kameradschaft natürlich sehr verheißungsvoll wirken“, so Petra Pawelskus, Beraterin in der mobilen Beratung MOBIT (Mobile Beratung in Thüringen für Demokratie – gegen Rechtsextremismus).

Auch Thomas Pfeiffer, wissenschaftlicher Referent der Abteilung Verfassungsschutz des Ministeriums für Inneres und Kommunales in Nordrhein-Westfalen, ist der Auffassung, dass „das entscheidende Motive für die Annäherung an die rechtsextremistische Szene Gruppengefühle sind.“ Für ihn ist das Einstiegsmotiv die so genannte „Erlebniswelt Rechtsextremismus“. Sie setzt sich aus vielfältigen Freizeitaktivitäten und Propaganda zusammen, die wiederum Gruppengefühle und die Gemeinschaft stärken. Man kann nicht sagen, dass der Kontakt zu einer entsprechenden CD zu Diesem und Jenem führe. Aber Thomas Pfeiffer ist der Meinung, dass dieser Kontakt „sehr wohl der Einstieg für eine Weiterbeschäftigung mit rechtsextremistischen Materialien“ bedeuten kann.

Eltern, Lehrerinnen und Lehrer sind oft ratlos und wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen, wenn Jugendliche rechtsextremistische Musik konsumieren. Thomas Pfeiffer empfiehlt, sich so früh wie möglich über Bands, Inhalte der Musik sowie Zeichen und Symbole zu informieren. Anne Broden plädiert dafür das Gespräch zu suchen und zu fragen: „Was hörst du da für Musik? Was gefällt dir daran? Nimmst du die Texte wahr oder hörst du nur die Musik?“ Bei vielen Eltern bestehe der Drang, die Musik zu verbieten. Verbote sieht Anne Broden eher als Ende der Pädagogik. „Wenn Eltern das Gefühl haben, hier beginnt eine mögliche rechtsextremistische Karriere, nicht zu zögern, Beratungsangebote wahrzunehmen“, ist laut Thomas Pfeiffer wichtig, um frühzeitig Einfluss zu nehmen und den Weg in die rechtsextremistische Szene abzuwenden.

Das gleiche gilt auch für Schulen. Lehrende sollten das Thema „Rechtsextremismus“ und auch „rechtsextremistische Musik“ präventiv im Unterricht aufgreifen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, rechtsextremistische Musik in der Schule einzubinden, beispielsweise im Deutsch-, Musik-, Geschichts- oder Politikunterricht. „Setzen Sie sich mit der Musik auseinander, besprechen Sie die Texte im Unterricht“, rät Anne Broden den pädagogischen Fachkräften. Wenn es akute Probleme an Schulen gibt, sollten auch Lehrerinnen und Lehrer nicht zögern, unterstützende Beratungsmöglichkeiten zu nutzen. Thomas Pfeiffer ist überzeugt, dass „es sicherlich keine Patentrezepte gibt, aber es ist generell wichtig, das Thema wahrzunehmen und nicht zu ignorieren“.

Anika Bube

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