Silvia Keil: Wir lassen die Kinder selbst erzählen!
Ein Gespräch von 2012 über eine neue Kinderdokumentation beim Kinderkanal: warum Erwachsene darin kaum vorkommen und wie die Macherin das begründete. Dazu der heutige Stand der Sendung.
Silvia Keil war 2012 die KiKA-Redakteurin, die den Start der Doku-Reihe „Schau in meine Welt!“ verantwortete: Kinder aus Deutschland und aller Welt erzählen darin selbst von ihrem Alltag, ungewöhnlichen Hobbys oder ihrer Kultur. Die Reihe läuft bis heute im KiKA und kostenlos in der Mediathek. Im Interview mit medienbewusst.de erklärte Keil, wie eine Folge entsteht und warum Erwachsene darin bewusst im Hintergrund bleiben.
Wer Silvia Keil ist
Silvia Keil war zum Zeitpunkt des Interviews 2012 die bei KiKA für „Schau in meine Welt!“ verantwortliche Redakteurin. Die Doku-Reihe wird gemeinsam von hr, KiKA, MDR, rbb und SWR produziert, startete im April 2012 und läuft laut Wikipedia-Infobox bis heute wöchentlich, inzwischen mit mehr als 400 Folgen.
Keil arbeitet auch heute noch als Redakteurin bei KiKA. Laut einer KiKA-Pressemitteilung vom April 2026 verantwortete sie die Dokumentation „Ein Tag mit Erna“ aus der Vorschulreihe „ICH bin ICH“ - mit demselben Grundprinzip wie bei „Schau in meine Welt!“: ein Kind erzählt von seinem Alltag.
Das Interview im Wortlaut (2012): Wie eine Doku für Kinder entsteht
Frau Keil, inwiefern unterscheidet sich die an Kinder gerichtete Doku-Serie "Schau in meine Welt!" von herkömmlichen Dokumentationen mit einer erwachsenen Zielgruppe?
Dokus, die an Kinder gerichtet sind, gehen zunächst von einem anderen Erfahrungshorizont aus als bei Erwachsenen. Viele Dinge, die Erwachsenen bekannt sind, müssen bei Kindern erklärt werden. Dies tun wir mit einer möglichst einfachen und eingängigen Sprache.
Es wurde eine Doku-Reihe für Kinder geschaffen, bei der die Kinder im Vordergrund stehen und von ihrem persönlichen Alltag berichten. Erwachsene scheinen stets nur eine Nebenrolle zu spielen. Wie wurde dies erreicht?
Wir erzählen die Lebenswelt der Kinder, in dem wir sie selbst berichten lassen. Dafür braucht es die Erwachsenen nur dann, wenn sie auch diesbezüglich eine Rolle spielen. Da es uns um die emotionale Welt des Kindes geht, lassen wir die Erwachsenen nur in der Interaktion mit dem Protagonisten zu Wort kommen. Bei der Produktion ist es uns wichtig, dass wir mit den Kindern auf Augenhöhe sind. Damit erreichen wir, dass der Zuschauer sich mit dem Kind identifizieren und sich in dessen Welt hineinfühlen kann. Darauf kommt es am Ende an: ein Gefühl für die Lebenswelt und das Lebensgefühl von anderen Kindern zu entwickeln. Und eine solche Nähe zu ihnen zu fühlen, dass sie einem - egal wie und wo sie leben - nicht mehr fremd sind.
Neben Kindern aus anderen Kulturen stellen auch deutsche Kinder ihren Alltag dar. Welche Lebensumstände sind für das Format interessant?
Es gibt keine „Kriterien“, die Kinder erfüllen müssen, um ein Teil der Sendung zu werden. Es gibt sehr viele Kinder, die ganz eigene Lebenswelten und die spannende Geschichten zu erzählen haben. Immer dann, wenn sich das Kind von anderen Kindern unterscheidet und in einer "ganz eigenen Welt" lebt. Denn dann ist das Kind in der Position, etwas erzählen zu können. Diese Lebensgeschichten sind für uns als Zuschauer spannend.
Durch dieses Konzept fällt es den jungen Zuschauern sicher leichter, eine Verbundenheit mit den Protagonisten aufzubauen. Was möchten Sie den deutschen Kindern durch die Sendung vermitteln?
Wir wollen Lebenswelten entdecken, die die Zuschauer inspirieren und in die sie sich hinein fühlen können. Die Zuschauer sollten verstehen, dass jeder Mensch im Grunde die Berechtigung zu einer eigenen Lebenswelt hat. Besonders gefreut hat mich, dass die jungen Zuschauer uns einladen ihre Welt zu entdecken. Das zeigt, dass die Kinder das Grundkonzept der Doku-Reihe schnell angenommen haben und ihre eigene, ganz individuelle Lebenswelt reflektieren.
Fortsetzung: Welche Geschichten die Reihe erzählt
Dem Zuschauer bleibt sicher die Geschichte von Ngiti in Erinnerung: Ein Nomadenmädchen aus Namibia, die ihren anstrengenden Alltag vorstellte, zum ersten Mal eine Stadt besuchte und am Ende der Episode sagte „Ich wünsche mir kein anderes Leben.“ Wie entsteht der enge Kontakt zu diesen Darstellern?
Es gibt Produktionsfirmen, die sich auf bestimmte Länder spezialisieren und dabei einen sehr engen Kontakt zu den Menschen dort haben. So kommt man dann natürlich auch zu den Geschichten. In diesem konkreten Fall hat ein Produzent, der viel in Afrika arbeitet, diesen Stamm und eben auch Ngiti kennengelernt.
Aus welchem Grund haben Sie sich dazu entschieden, den Originalton beizubehalten und nicht vollständig zu synchronisieren?
Der Zuschauer soll die Realität nicht aus den Augen verlieren. Ngiti spricht kein Deutsch und dem Zuschauer sollte bewusst sein, dass sie übersetzt wird. Würden wir sie synchronisieren, würde (vor allem bei kleineren Kindern) der Eindruck entstehen, dass sie tatsächlich deutsch spricht. Zusätzlich bekommt man zur Protagonistin noch ein ganz anderes Gefühl, wenn man ihre Stimme und ihr Lachen hört. Diese Dinge sind uns sehr wichtig, um die Nähe zu ihr aufbauen zu können und ein „echtes“ Gefühl für sie als eigenständige Persönlichkeit zu bekommen.
Ja, da haben Sie recht, ihr Lachen war wirklich bemerkenswert. Auf welche Geschichten können sich die Zuschauer noch freuen?
Auf viele, viele schöne Geschichten! Ich will nur einige verraten: Wir berichten über die 13-jährige Tammy, die in Uganda lebt und dort als Popsängerin berühmt ist. Wir haben Giovanni begleitet, der in Venedig lebt und als Gondoliere arbeitet. Wir sind bei Mena, deren Vater Wanderschäfer ist und die deswegen ein Leben als Nomadin führt… und … und … und …
medienbewusst.de bedankt sich bei Silvia Keil für das Interview und wünscht weiterhin viel Erfolg.
Was heute gilt: Die Reihe läuft weiter
„Schau in meine Welt!“ gibt es weiterhin im KiKA-Programm und in der Mediathek, kostenlos und ohne Anmeldung. Laut Senderseite zeigt die Reihe bis heute, „dass Kinder sehr unterschiedliche Geschichten zu erzählen haben, dabei jedoch viel gemeinsam haben“ (Stand September 2026). Das Grundprinzip aus dem Interview - Kinder erzählen selbst, Erwachsene bleiben im Hintergrund - gilt unverändert, nur die Themen sind neuer: aktuelle Folgen begleiten etwa ein Kind beim Leistungssport oder beim Malen.
Was Eltern mit der Sendung machen können
Gemeinsam eine Folge auswählen
Die Übersicht aller Folgen steht in der KiKA-Mediathek. Suchen Sie gemeinsam eine Lebenswelt aus, die Ihr Kind noch nicht kennt.
Zusammen schauen
Die rund 25 Minuten sind eine gute Länge für einen gemeinsamen Termin, nicht zum Nebenbei-Laufen-Lassen.
Über den Originalton sprechen
Jüngere Kinder fragen oft, warum ein Kind im Film nicht deutsch spricht. Erklären Sie kurz, wie Keil es im Interview begründet: damit die Realität nicht verloren geht.
Danach vergleichen lassen
Fragen Sie, was Ihrem Kind an der gezeigten Lebenswelt fremd vorkam und was es wiedererkannt hat.
Weitere Folgen verteilen
Eine Folge pro Woche reicht; so bleibt die Sendung ein fester, kein beliebiger Termin.
Zum Mitnehmen
Woran Sie die Sendung für Ihr Kind nutzen können
Vier Punkte aus Interview und heutigem Angebot:
- Die Reihe läuft weiter und ist kostenlos in der Mediathek.Keine Anmeldung nötig, Stand September 2026.
- Originalton bewusst stehen lassen.So bleibt laut Keil die Perspektive des gezeigten Kindes erhalten.
- Eine Folge, ein gemeinsamer Termin.25 Minuten mit ungeteilter Aufmerksamkeit wirken mehr als Nebenbei-Konsum.
- Nach dem Schauen reden, nicht nur zuschauen.Der Vergleich zur eigenen Lebenswelt ist der Punkt, an dem die Sendung wirkt.
Wer ist Silvia Keil?
Silvia Keil war 2012 die KiKA-Redakteurin, die den Start der Doku-Reihe „Schau in meine Welt!“ verantwortete. Sie arbeitet bis heute als Redakteurin bei KiKA, zuletzt auch für die Vorschulreihe „ICH bin ICH“ (Stand April 2026).
Was ist „Schau in meine Welt!“?
Eine Doku-Reihe des KiKA, in der Kinder aus Deutschland und anderen Ländern selbst von ihrem Alltag, ihren Hobbys oder ihrer Kultur erzählen. Sie wird von hr, KiKA, MDR, rbb und SWR produziert.
Läuft „Schau in meine Welt!“ noch im Fernsehen?
Ja. Die Reihe läuft laut KiKA weiterhin im Programm und ist in der Mediathek kostenlos abrufbar (Stand September 2026).
Seit wann gibt es die Sendung?
Die Reihe startete im April 2012 auf KiKA und zählt inzwischen mehr als 400 Folgen.
Wenn Ihr Kind lieber selbst gestaltet statt nur zuzuschauen, passt dazu Trickfilm, Foto und Podcast: Medien selbst gestalten. Welche weiteren Sendungen und Kinderseiten taugen, steht unter Kinderseiten, die taugen und im Überblick Medien sinnvoll nutzen.
Zuletzt geprüft am 05.10.2026
Quellen
- Schau in meine Welt! - Alle Folgen · KiKA (Kinderkanal von ARD und ZDF)
- 18 Nominierungen im Rennen beim GOLDENEN SPATZ · KiKA, Pressemitteilung über presseportal.de · 29.04.2026
- Schau in meine Welt! · Wikipedia
Redaktioneller Stand
- Geprüft am
- 05.10.2026
- Geprüft von
- Redaktion medienbewusst.de
- Belege
- 3 Quellen, unten vollständig aufgeführt
- Wiedervorlage
- 04.10.2028
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