Tablets statt Bücher - Die Schule von Morgen?
Ein Schulversuch aus dem Jahr 2012 testete Tablets im Unterricht - mit mehr Mitsprache für Kinder, aber auch dem Risiko, dass das Gerät zum Spielgerät wird.
In diesem Interview aus dem Jahr 2013 schildert ein Lehrer der Waldschule Hatten in Niedersachsen seine Erfahrungen mit iPad-Klassen: mehr Eigenverantwortung der Schüler, einfacherer Zugriff auf Arbeitsblätter und Apps für Texte, Präsentationen und einen Klassenblog - aber auch Ablenkungsgefahr durch Spiele und die Frage, wer die Geräte finanziert. Der Schulversuch lief 2012 als Projekt „Mobiles Lernen mit Tablet-Computern“ des Landes Niedersachsen an 18 Schulen.
Das Projekt: iPad-Klassen in Niedersachsen
2012 rief das Land Niedersachsen das Projekt „Mobiles Lernen mit Tablet-Computern“ ins Leben. An landesweit 18 Schulen soll die Eignung von mobilen Endgeräten im Schulalltag untersucht werden. Medienbewusst.de hat Herrn Lüder Schulken, Lehrer an der Waldschule Hatten, zu seinen Erfahrungen im Umgang mit iPads im Unterricht befragt. Herr Schulken, wie kann man sich den Unterricht in Tablet-Klassen an Ihrer Schule vorstellen?
| Was | Angabe |
|---|---|
| Projekt | „Mobiles Lernen mit Tablet-Computern“, Land Niedersachsen |
| Beteiligte Schulen | landesweit 18 Schulen (Stand 2012) |
| Eingesetztes Gerät | iPad |
| Finanzierung | durch die Eltern, ergänzt durch einen Bildungsfonds für geringeres Einkommen |
| Befragter | Lüder Schulken, Lehrer an der Waldschule Hatten |
Vorteile aus dem Unterricht
Seitdem wir Notebook-Klassen haben, gibt es bei uns einen schuleigenen Server. Alle Schüler haben einen Account für diesen Server. Dort gibt es für meine Tablet-Klasse ein Forum. Hier können sich meine Schüler austauschen und Dateien untereinander weitergeben. Das ist für die digitalen Klassen die Basis für den Unterricht mit dem iPad. Außerdem bietet es mir die Möglichkeit, Arbeitsblätter für die Kinder vorzubereiten und auf dem Server zur Verfügung zu stellen. Damit können die Schüler dann auf ihren iPads arbeiten und mir anschließend ihre Lösungen zukommen lassen.
Welche Lehrmaterialien bzw. Software verwenden Sie auf ihren Tablets? Für Medienproduktionen benutzen wir die eingebaute Kamera - zum Beispiel zum Aufnehmen von Rollenspielen in Englisch oder im Fach Deutsch. Mit der App „Pages“ können wir im Deutschunterricht eigene Texte erstellen und mit „Keynotes“ bereiten meine Schüler Präsentationen vor. Außerdem habe ich ihnen mit „Wordpress“ einen Blog angelegt. Dieser steht besonders im Fokus, wenn die Schüler ihre Texte gegenseitig beurteilen sollen.
Es gibt also unglaublich viele Sachen, die für den Unterricht genutzt werden können. Da muss ich als Lehrer didaktisch schauen, dass ich die richtige Auswahl treffe und die Apps schlüssig in den Unterricht einbinde.
Warum haben Sie sich für das iPad als einheitliches Tablet für Ihren Unterricht entschieden? Ich habe jetzt nicht zu denjenigen gehört, die diesem Hype gefolgt sind, und das iPad für das Gerät überhaupt gehalten habe. Ich war aber auch nicht negativ demgegenüber eingestellt. Dennoch muss ich sagen, dass meine Skepsis unbegründet war. Ich halte das iPad für ein sehr gutes Medium für Schüler und Schülerinnen.
Welche Vorteile entstehen durch die neue Form der Unterrichtsgestaltung für Ihre Schüler? Der entscheidende Vorteil ist, dass sich die Schüler schnell Wissen selber beschaffen können. Man bekommt somit auch eine höhere Eigenverantwortung der Schüler in den Unterricht. Eine Studentin der TU Dortmund begleitet zur Zeit eine Tablet Klasse der Waldschule Hatten, um herauszufinden, ob der Unterricht mit Tablets die Internetkompetenz der Kinder fördert.
Was würden Sie aus ihrer Erfahrung heraus für ein Ergebnis erwarten? Glauben Sie, dass der Unterricht mit Tablets, neben neuen Lernmethoden, auch helfen kann das Medienbewusstsein der Kinder zu fördern und ihnen einen sichereren Umgang mit dem Internet beizubringen? Ja, da bin ich mir ziemlich sicher. Vieles ist mittlerweile für meine Schüler selbstverständlich. Ich muss mich immer wieder wundern, wie schnell die Kinder dazulernen. So hat sich „Wikipedia“ mittlerweile etabliert, um sich allgemeines Wissen anzueignen. Außerdem nutzen die Kinder beispielsweise „google-Maps“ für den Erdkunde-Unterricht.
Ablenkung und Regeln
Ein iPad bietet den Schülern sicherlich auch viele Möglichkeiten, sich vom Unterricht abzulenken und sich mit ganz anderen Sachen als mit dem Lehrmaterial zu beschäftigen. Kann das nicht manchmal auch kontraproduktiv im Unterricht sein? Wie bekommen Sie das in den Griff? Sehr gut funktioniert es bei Schülerinnen. Diese legen die notwendige Selbstdisziplin an den Tag, um die Vorteile des Geräts für ihren Lernzuwachs optimal zu nutzen, während andere dazu neigen, sich mit Spielen abzulenken.
Allerdings hat das auch viel mit dem Elternhaus zu tun. Probleme gibt es da, wo zu Hause überhaupt nicht darauf geschaut wird, und die Kids sich dann nur noch Spiele herunterladen. Einer meiner Schüler hatte zum Beispiel über hundert Spiele auf seinem Gerät. Es gibt also auch Kinder, die dann zu Hause maßlos zocken und die Vorteile für die Schule dann am Ende gar nicht so richtig nutzen können.
In der Schule muss natürlich darauf geachtet werden, dass nicht zwischendurch immer wieder Sachen gemacht werden, die nichts mit dem Unterricht zu tun haben. Daher müssen gewisse Regeln aufgebaut werden. So müssen zum Beispiel die Bildschirme schwarz sein, wenn gesprochen wird.
Tablet-Einführung in der Schule: Worauf es ankommt
Aus den Erfahrungen der Waldschule Hatten lassen sich diese Punkte ableiten:
- Klare Regeln für die Nutzung festlegenEtwa: Bildschirm aus, wenn gesprochen wird - so bleibt das Gerät Werkzeug statt Ablenkung.
- Account und Austauschplattform einrichtenEin eigener Server mit Forum half an der Waldschule, Dateien und Arbeitsblätter zwischen Lehrkraft und Klasse auszutauschen.
- Finanzierung und Unterstützung klärenAn der Waldschule trugen die Eltern die Kosten, ergänzt durch einen Bildungsfonds für Familien mit geringerem Einkommen.
- Medienpädagogische Beratung einbeziehenEin Kollege mit entsprechender Qualifikation half dabei, den Unterricht mit den Geräten zu planen.
- Elternhaus einbindenOb die Vorteile genutzt werden oder das Gerät vor allem zum Spielen dient, hängt laut dem Lehrer stark vom Elternhaus ab.
Beratung und Austausch mit anderen Schulen
Bei der Einführung von Tablets an Ihrer Schule werden Sie im Rahmen des Projekts des Landes Niedersachsen von Medienberatern unterstützt. Wie sehr hilft Ihnen das bei der Gestaltung des Unterrichts mit Tablets? Da einer unserer Kollegen mittlerweile selber medienpädagogischer Berater ist, sind wir zu einem großen Teil in der Lage, uns selber zu helfen.
So viel Beratung von außen ist da gar nicht mehr notwendig und findet auch nicht mehr in dem Maße statt. Natürlich sind wir trotzdem für jede Hilfe oder für jeden Tipp dankbar und offen für jegliche Zusammenarbeit. Weil Sie mittlerweile eher die praktischen Erfahrungen auf ihrer Seite haben? Genau. Es ist schon so, dass sich unsere Schule auch über die Landesgrenzen hinaus mit den Tablet-Klassen bekannt gemacht hat. Ich bekomme sehr viele Mails und Anfragen wegen Interviews oder von Leuten, die sich den Unterricht ansehen wollen.
Finanzierung der Tablets
Die Kinder haben sicherlich große Freude daran gehabt ihre neuen Lernhilfen auszupacken. Doch die Tablets mussten ja zunächst irgendwie finanziert werden. Wie hat das Ihre Schule organisiert? Die iPads für unsere Tablet-Klassen sind von den Eltern finanziert. Wir arbeiten da zusammen mit „Mobiles Lernen“. Das ist ein Unternehmen, das zu 50% Mitarbeiter mit Behinderungen beschäftigt und gegründet wurde, um Lehrer und Schulträger bei der Planung und Umsetzung von Notebook / Tablet - Schulen zu unterstützen.
Gab es Eltern, die sich die Finanzierung eines iPads für ihr Kind nicht leisten konnten? Ja, gab es. Die Finanzierung von Tablets über „Mobiles Lernen“ beinhaltet aber nicht nur eine Versicherung der Geräte. Darüber hinaus können Eltern mit geringerem Einkommen aus einem Bildungsfond unterstützt werden, in den alle Eltern einzahlen. Die Betroffenen zahlen dann nur die Hälfte.
Blick nach vorn
Wie sehen sie die Zukunft der Tablets im Schulalltag? Glauben Sie, dass sich diese Technik früher oder später flächendeckend an deutschen Schulen durchsetzten wird? Davon bin ich überzeugt. Wenn ich mir vorstelle, dass ich mit diesem Gerät hätte studieren können, dann wäre es schon nicht schlecht gewesen. Das ersetzt zwar nicht den Rechner oder den Laptop von zu Hause, aber gerade die Handlichkeit der Tablets ist ein großer Vorteil.
Man kann das Gerät jederzeit dabei haben, sich Notizen machen oder mal eben ins Internet gehen. Tablets bieten da wirklich unheimlich viele Möglichkeiten. Daher kann ich mir gut vorstellen, dass sich das früher oder später flächendeckend durchsetzten wird.
Welche Vorteile haben Tablets im Unterricht?
Im Interview nennt der Lehrer vor allem mehr Eigenverantwortung der Schüler, einen eigenen Server mit Forum für Arbeitsblätter und Apps, mit denen Schüler Texte, Präsentationen und einen Klassenblog erstellen.
Was spricht gegen den Einsatz von Tablets in der Schule - was sind die Nachteile?
Der Lehrer berichtet von Ablenkung durch Spiele, besonders wenn zu Hause nicht darauf geschaut wird. Klare Regeln im Unterricht - etwa Bildschirm aus beim Sprechen - sollen das auffangen.
Tablet oder Laptop für die Schule - was ist besser?
Der Lehrer sagt dazu: Ein Tablet ersetzt nicht den Rechner oder Laptop von zu Hause, ist aber durch seine Handlichkeit ein großer Vorteil, etwa für Notizen oder schnellen Internetzugriff.
Wie lief der Tablet-Einsatz an niedersächsischen Schulen ab?
Das Land Niedersachsen startete 2012 das Projekt „Mobiles Lernen mit Tablet-Computern“ an landesweit 18 Schulen, um die Eignung mobiler Endgeräte im Schulalltag zu untersuchen.
Wer sich fragt, wie Tablets im Klassenzimmer heute eingesetzt werden, findet eine aktuelle Einordnung unter Tablets im Klassenzimmer: Was Eltern wissen sollten. Für die Wahl des passenden Geräts hilft der Vergleich unter Kindertablet oder Tablet mit Kindersicherung?, und wo schon jüngere Kinder mit Tablets in Kontakt kommen, zeigt Tablet in der Kita: Einsatz und Grenzen.
Zuletzt geprüft am 05.10.2026
Quellen
- Tablets statt Bücher - Die Schule von Morgen? (Interview mit Lüder Schulken) · medienbewusst.de / Waldschule Hatten · 08.10.2026
Redaktioneller Stand
- Geprüft am
- 05.10.2026
- Geprüft von
- Redaktion medienbewusst.de
- Belege
- eine Quelle, unten vollständig aufgeführt
- Wiedervorlage
- 04.10.2028
Wir prüfen Angaben gegen die Stelle, die zuständig ist - Gesetzestext, Behörde, Anbieter oder Studie - und nennen sie. Veraltet eine Angabe, gilt das Datum oben als Hinweis darauf, wie alt sie ist. Wie wir arbeiten
