„Kinder möchten eine Geschichte erzählt bekommen – und zwar bis zum Ende“


So kurz und prägnant beschreibt Uschi Reich, Produzentin erfolgreicher Kinderfilme wie „Die wilden Hühner“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“, das wesentliche Merkmal eines guten Kinderfilmes. Mit medienbewusst.de sprach die Geschäftsführerin der Bavaria Filmverleih- und Produktions GmbH über ihre Erfahrungen bei der Produktion von Kinderfilmen und warum Fußballspielen mit Freunden mehr Spaß macht als allein auf der Spielkonsole.

Frau Reich, Sie gelten als eine der erfolgreichsten deutschen Produzenten von Kinder- und Jugendfilmen. Über welche Stationen sind Sie zu Film und Fernsehen gekommen?

Ich bin Studentin der Münchener Filmhochschule gewesen und wollte ursprünglich Fernsehjournalistin werden, habe mich dann aber doch mehr für Spielfilme interessiert. Ich hatte auch schon zu Beginn meine eigene kleine Produktionsfirma und habe Dokumentarfilme selber gedreht und produziert und bin dann schließlich zur Bavaria gekommen. Anfangs war ich dort vor allem im Fernsehbereich tätig und zwischenzeitlich auch mal zwei Jahre bei der Constantin Film AG. Nach meiner Rückkehr zur Bavaria habe ich die Spielfilmabteilung übernommen und mich vor allem  auf Familien- und Kinderfilme spezialisiert.

Wie unterscheidet sich die Herangehensweise an einen Kinderfilm im Vergleich zu anderen Produktionen?

Wenn man Kinderfilme produziert, muss man gewisse Gesetzmäßigkeiten der Dramaturgie beachten.
Kinder sind ein sehr kritisches Publikum, die lassen sich nicht alles vorsetzen. Die wollen eine Geschichte erzählt bekommen und diese dann bis zum Ende. Es ist aber auch sehr erfrischend mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, weil ihre Unvoreingenommenheit die erwachsenen Schauspieler ansteckt und sie ihre Freude am Schauspielern auf alle Beteiligten übertragen.

Am Anfang einer Filmproduktion steht immer das Casting der Schauspieler. Kann man bei sehr jungen Darstellern überhaupt erkennen, wer die vorgegebene Rolle am besten verkörpern könnte?

Absolut! Mit ein wenig Erfahrung erkennen sie schon beim ersten Casting, ob sie mit diesem Kind weiterarbeiten können. Natürlich müssen die Kinder bei einem Kinofilm fünf bis zehn Mal vorsprechen, aber man kann schon sehr früh sehen, was für Fähigkeiten das Kind mitbringt. Zudem kann man auch nochmal ganz gezielt bei den nächsten Castings darauf eingehen und mögliche Probleme ansprechen.

Wie viel Zeit dürften Kinder Ihrer Meinung nach täglich mit dem Konsum von Medien zubringen?

Da hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten viel getan. Es ist natürlich mehr geworden, weil die Kinder heutzutage nicht nur Fernsehen, sondern auch ihre ganz privaten Medien wie iPhone oder Playstation nutzen. Insofern ist das heutzutage schwer einschätzbar. Wünschenswert wäre, wenn sich Kinder nicht nur mit den Medien auseinander setzten sondern auch Lesen, Sport machen, sich mit anderen Dingen beschäftigen oder mit ihren Eltern ins Theater gehen. Ich denke schon, dass Medien einen extremen Platz im Leben eines jeden Einzelnen einnehmen. Ich beispielsweise habe erst nach dem Abitur überhaupt einen Fernseher zu Hause gehabt und habe mich dementsprechend in meiner Kindheit mit ganz anderen Dingen beschäftigt als das heutzutage der Fall ist.

Können Sie da ein Beispiel geben?

Ja! Ich war vor einigen Tagen erst bei den Filmfestspielen in Cannes und dort habe ich an einer Bushaltestelle einen wartenden Jungen gesehen, der auf seinem iPod einen Film geschaut hat. Er war vollkommen in sich versunken. Das war früher natürlich völlig undenkbar. Wenn Kinder, wie eben dieser Junge, derart stark in der Medienwelt verwurzelt sind, müssen gerade die Eltern sehr gut aufpassen, dass die Kinder in keine Vereinsamung geraten. Das halte ich auch für ein sehr großes Problem. Die sozialen Fähigkeiten dürfen nicht verkümmern.

Wie könnte man diesem Umstand entgegenwirken?

Es muss einen Ausgleich geben in anderen Formen der Kreativität oder durch Sport, wo die Kinder auch Teamgeist entwickeln können. Insgesamt bin ich der Auffassung, dass man den Medienkonsum der Kinder als Eltern wahrnehmen und sich auch damit auseinander setzen sollte, welche Inhalte in welchem Umfang konsumiert werden. Vielleicht relativiert sich das ja auch eines Tages von allein und den Kindern wird es dann selber zu viel und sie merken, dass gemeinsames Fußballspielen doch viel mehr Spaß macht als alleine vor seiner Konsole zu sitzen.

Welcher Kinder- und Jugendfilmprojekte planen Sie noch umzusetzen in den nächsten Jahren?

In absehbarer Zeit möchte ich zwei Cornelia Funke-Stoffe realisieren. Der eine ist „Als der Weihnachtsmann vom Himmel fiel“, diesen möchte ich als deutschen Film produzieren. Der andere ist „Igraine Ohnefurcht“, ein großer Ritterfilm, welcher eher europäisch angelegt ist und auch in Englisch gedreht wird. Diese beiden Kinderfilmprojekte möchte ich auf jeden Fall umsetzen. Alles was danach kommt ist jetzt noch völlig offen. Der Markt wird zusehends schwieriger, man hat weniger Chancen die Projekte zu realisieren und selbstverständlich wird in diesen Zeiten auch das Geld immer knapper. Gerade Kinderfilme sind dabei aber sehr teuer. Durch die Arbeitszeit mit den Kindern dreht man nicht so lange pro Tag, dafür erhöhen sich dann natürlich die Drehtage. Nach diesen Projekten geht es vielleicht aber auch wieder in Richtung Erwachsene als Zielgruppe, schließlich habe ich das ja zwischendurch auch immer mal gemacht.

medienbewusst.de bedankt sich bei Uschi Reich für das Interview und wünscht viel Erfolg für alle zukünftigen Filmprojekte.

Manuel Mohr

Bildquelle:
Bavaria Filmverleih- und Produktions-GmbH