Musik – „Eine Quelle der Lebensfreude“


Das Vogler Quartett (www.voglerquartet.com) gründete sich vor 26 Jahren in Berlin. Dieses Quartett hat es als ostdeutsches Ensemble geschafft, international durchzustarten, war auf allen wichtigen Konzertpodien zu Gast und bereiste auf seinen Tourneen auch Japan, Australien und Neuseeland. Das Quartett gibt nicht nur Workshops und Meisterkurse für professionelle Ensembles in Europa und Übersee, sondern ist auch aktiv pädagogisch tätig in der Kinder- und Jugendarbeit. medienbewusst.de sprach mit Tim Vogler, dem Primarius und Namensgeber des Quartetts.

Herr Vogler, können Sie bitte darlegen, wie Sie zur Musik gekommen sind?

Mein Vater ist Geiger. Er hat eine Professur in Berlin und meine Mutter spielt Klavier. Bei uns wurde immer Musik gemacht, so dass ich einem Nachahmungstrieb folgend, selber eine Geige haben wollte. Zuerst war das eine aus Blech, gekauft im Spielzeugladen. Später habe ich dann Unterricht bekommen und die Spezialmusikschule besucht, das heutige Carl-Philipp-Emanuel-Bach Gymnasium in Berlin.

Was macht für Sie einen „Vollblutmusiker“ aus?

Einer, dem Musik durch die Adern fließt und der aus dem Bauch heraus spielt. Ich bin vielleicht eher eine Art intellektueller Musiker, denke darüber nach, was ich tue und warum und fühle mich auch mal ohne Musik sehr wohl.

Sie engagieren sich sehr für Kinder- und Jugendprojekte. Was ist das Kernstück dieser Projekte bzw. was liegt Ihnen dabei besonders am Herzen?

Da gibt es zwei Aspekte. Es ist fundamental wichtig für Kinder, mit Musik in Berührung zu kommen, in eine Klangwelt eintauchen zu können, Unterschiede zu bemerken oder der Stille nachzuspüren. Viele Kinder kennen das nicht mehr, weil die Familien heute nicht mehr so funktionieren. Wenn wir nichts tun, ist das Publikum für unsere Musik vom Aussterben bedroht und letztlich unsere Kultur, auf welche Komponisten und Musiker einen großen Einfluss gehabt haben, gefährdet. Ob es sich um klassische Musik handelt oder nicht, spielt da die kleinere Rolle.

Zum Anderen profitieren wir auch selber sehr davon. Kinder reagieren viel spontaner und unvoreingenommener auf unser Spiel und die Musik als Erwachsene. Erwachsene können Hemmungen haben, halten Konventionen ein. In einem traditionellen Konzert, hauptsächlich für Erwachsene, bekommen wir viel weniger offenes Feedback als in einem Kinderkonzert. Die Kinder hören zu, wenn es spannend ist. Sie lachen, wenn es lustig ist. Und wenn es langweilig ist, machen sie Quatsch und schmeißen mit Mützen. Wir haben dadurch viel besser gelernt, auch Erwachsene mit unserer Musik anzusprechen. Denn im Grunde unseres Herzens bleiben wir doch alle, nun ja, kindlich?

Sie sind mit Ihrem Quartett auch international berühmt und arbeiten vor allem in Irland an Projekten. War es ein Ziel, außerhalb von Deutschland etwas zu leisten oder entwickelte sich dies eher spontan?

Wir haben schon zu DDR-Zeiten in Irland gespielt. Wir sind damals eingeladen worden und haben seitdem jedes Jahr dort gespielt. Mitte der 90er Jahre wurde eine Residenz in Sligo ausgeschrieben, für die sich Quartette bewerben konnten, um Projekte mit Schulen zu machen. Eine Konzertreihe sollte aufgebaut, eine Musikschule gegründet werden und wir haben dort unterrichtet. Das Vogler Spring Festival wurde gegründet, ein hochrangiges Kammermusikfestival unter unserer Leitung. Konzertreihe, Musikschule und Festival existieren bis heute und bereichern das kulturelle Leben in und um Sligo. Dabei konnten wir feststellen, dass es Komponisten gibt, die eine starke Wirkung auf Kinder haben, wie z.B. Mendelssohn, Dvoràk oder Schulhoff. Mozart, erstaunlicherweise, wirkt nicht so direkt. Aber als Kind ging mir das ähnlich, ich fand Mozart früher immer langweilig. In Deutschland haben wir dann Dr. Tamara Lehmann kennengelernt und als Resultat ist der Verein „QuArt@Kindermusiktage e.V“ gegründet worden.

Es ist erstaunlich, dass es Ihr Quartett seit über 25 Jahren gibt, Glückwunsch dazu! So manche Popmusik-Band kann dieses Bestehen nicht von sich behaupten. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

Geheimnis? Aber stimmt, es ist erstaunlich, dass wir noch immer in derselben Besetzung spielen.Wir sind zusammen aufgewachsen, haben uns bereits in der Schulzeit kennen gelernt und lernen müssen, unsere persönlichen Bedürfnisse mit denen des Quartetts abzustimmen. Es gibt aber auch bei uns Differenzen. Es hat ja jeder sein eigenes Leben mit Familie und Kindern. Man muss einfach sehen, dass man den anderen so akzeptieren kann, wie er ist.

…das kommt aber auch in jeder Ehe vor.

Ja, natürlich. Man kann ein Quartett in vielen Aspekten mit einer Ehe vergleichen. So viele Ebenen des täglichen Lebens verbringen wir notwendigerweise miteinander. Über weite Strecken des Jahres reisen wir zusammen und nach den Konzerten folgen häufig noch Einladungen zu sogenannten Receptions, bei denen wir uns mit dem Publikum unterhalten. Wir unterrichten alle vier in Stuttgart und proben beinahe täglich zusammen. Das Gute daran ist, dass es einen auch immer wieder neu herausfordert, wach hält.

Was wollen Sie mit Ihrer Musik erreichen?

Sie soll den Leuten gefallen und Spaß machen. Und natürlich wünsche ich mir, dass mehr Leute hören, was wir tun. Mit einem Streichquartett erreicht man leider gewöhnlich nicht die Massen, es ist schon eine Art Nischenkunst. Die Musik soll lebendig sein, Assoziationen wecken, zum Nachfühlen und Nachdenken anregen. Das Schöne an Musikmachen ist, dass sie einen vital macht. Musik ist wie das Leben.

Es gibt Höhen und Tiefen?

Genau. Je länger man Musik macht, desto mehr versteht man auch davon.

Was halten Sie von David Garret, großartiger klassischer Künstler?

Auf jeden Fall ist er ein guter Geiger. Mir gefällt nicht so, wie er sich präsentiert. Als Modell mit Geige sozusagen. Aber geschickt ist er und hat ein großes Publikum angesprochen.

Eine konkrete Frage zum Verein: Wie entstand die Zusammenarbeit mit dem Verein QuArt@Kindermusiktage e.V.?

Wir haben Frau Dr. Tamara Lehmann kennengelernt bei einem unserer Festivals, den Kammermusiktagen Homburg Saar. Neben „normalen“ Konzerten von uns, erlebte sie die Wirkung, welche unsere Art von offenen Proben auf Kinder und Jugendliche hat. Hiervon war sie so begeistert, dass aus dem gemeinsamen Ideenaustausch die Initialzündung für die Kindermusiktage entstanden ist. Ihr Engagement hat einen großem Anteil daran, dass dieses Projekt mit einer solchen Stringenz und Professionalität realisiert wurde und wird. Die Vereinsgründung war eine Konsequenz daraus.

Wie werden die Projekte von Kindern, aber auch von Lehrern angekommen?

Ganz toll. Viele Lehrer hatten anfängliche Berührungsängste. Inzwischen haben sie allerdings gemerkt, dass die Vorbereitung und Durchführung von Kindermusiktagen eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag sein kann. Die Lehrer können zusammen mit den Kindern kreativ sein und sind begeistert bei der Sache. Die Kindermusiktage sind auch sehr gut geplant. Seit Beginn dieses Schuljahres laufen bereits die Vorbereitungen für die Kinderoper „Die zertanzten Schuhe“ von Mario Wiegand, die bei den diesjährigen Kindermusiktagen im März uraufgeführt wird. Mit uns als Ensemble, einigen weiteren Musikern, Sängern und Kindern als Chor, Schauspielern und Tänzern. Die Vorbereitung ist immer so langfristig geplant. In der Schlussphase der Proben, wenn vieles bereits einstudiert ist, kommen wir als Quartett dazu. Oft machen unzählige Kinder mit und wenn sie dann nach Hause kommen und erzählen, was in Zusammenarbeit mit uns stattfindet, geht ein anderer Personenkreis in unsere Konzerte. Inzwischen ist es auch für junge Leute in Kassel fast ein bisschen hip geworden, zur Kammermusik zu gehen, auch wegen der Kindermusiktage. Das finde ich toll.

Sehen Sie den Stellenwert „Ihrer“ Musik heutzutage gefährdet und wenn ja, wodurch?

Kinder wachsen in einem anderen Umfeld auf als früher und Medien wie Fernsehen und Internet dominieren den Alltag. Auch der Musikunterricht an den Schulen wird tendenziell weniger, hier und dort geht er in anderen Fächern als Teilgebiet auf. Musik konkurriert mit den Unterhaltungsmedien. Die Gefahr, dass einerseits unser Publikum nicht nachwächst, aber auch unsere Kultur Schaden nimmt, ist real. Natürlich gibt es viele Erkenntnisse darüber, dass Musik die Entwicklung und das Lernvermögen von Kindern verbessert, aber das wichtigste ist vielleicht, dass Musik uns aus dem Alltag herausreißen kann, uns Transzendenz erleben lässt und eine Quelle der Lebensfreude ist.

Ist es nicht so, dass vor allem Jugendliche es „öde“ finden, mit klassischer Musik in Berührung zu kommen. Was haben Sie bei dieser Zielgruppe für Erfahrungen gemacht?

Klar sind da Berührungsängste. Für uns sind die dankbarsten Zuhörer die Kinder zwischen fünf und acht, also Grundschulalter. Da ist eine gewisse Offenheit da. In der Pubertät sind sie nicht so gut zu erreichen. Aber selbst da ist es so, dass wenn man die Musik lebendig spielt, sich bei den meisten etwas verändert.

Welche Ziele haben Sie, die Sie in Zusammenarbeit mit den Schulen erreichen wollen?

Wir wollen Kinder, die wenige oder gar keine Berührungspunkte mit Musik haben, in Kontakt mit ihr bringen. Wir erhoffen uns, dass durch die Begegnung mit uns Prozesse oder Erinnerungen entstehen, die einen tiefen emotionalen Wert haben. Außerdem lernen die Kinder künstlerische Projekte mitzugestalten. Sie planen, üben und treten mit uns auf. Für viele Fähigkeiten werden die Grundlagen in der Kindheit geschaffen.

Sie sagten mal „Die Klassik ist keine tote Kunst“, könnten Sie das näher erläutern?

Jeder Mensch, der Musik komponiert, lebt in seiner Zeit und ist beeinflusst von seinem persönlichen Umfeld. Musik klingt heute anders als zu Haydns Zeiten, weil die Lebensumstände auch anders sind. Denken Sie nur an die Umweltgeräusche von heute. Musik wird immer wieder zum Leben erweckt. Solange sie nur auf dem Papier existiert, klingt sie nicht. Sie entsteht erst, wenn sie gespielt wird und das machen wir, die lebendigen Menschen. Wir erwecken die Musik von damals zu einem neuen Leben in unserer Zeit.

Letzte Frage: Können Sie sich vorstellen, deutschlandweit ein solches Projekt durchzuführen oder ist so etwas sogar schon geplant?

Das ist eigentlich unser Plan. Wir haben den Verein gegründet, weil es Ableger unserer Kindermusiktage in anderen Städten und mit anderen Quartetten geben soll. So gab es mit uns schon, neben den jährlich in Kassel stattfindenden Nordhessischen Kindermusiktagen, Kindermusiktage in Berlin und München. Die Realisierung ist aber immer gebunden an das Engagement von leidenschaftlichen Personen vor Ort. Und jemanden wie Tamara Lehmann, die Feuer und Flamme für dieses Projekt ist, findet man leider nicht überall.

medienbewusst.de bedankt sich bei Tim Vogler für das Interview und wünscht ihm und seinem Quartett alles Gute für die Zukunft.

Anne Kolberg

Bildquelle: © Magdalena Ascough – Fotolia.com
Foto zur Verf. gestellt von Tim Vogler