Russland – Das bedrohte Paradies


Russland ist nicht nur das größte Land der Erde, es bietet auch eine Vielfalt an verschiedensten Regionen in unterschiedlichen Klimazonen und damit eine große Artenvielfalt. Nach dreieinhalb Jahren Produktionszeit und 1200 Drehtagen in der russischen Wildnis, haben die zehn Kamerateams um Henry M. Mix eine hinreißende Naturdokumentation: „Russland – Im Reich der Tiger, Bären und Vulkane“ über das bedrohte Paradies auf die Kinoleinwand gebracht.

Der Kommentator nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise, die an der winterlichen Pazifikküste Russlands beginnt. Hier räumt der Film auch gleich mit einem instinktivem Vorurteil auf: In den kalten, dunklen und bis zu sieben Monate andauernden Wintern, ist das Land alles andere als ausgestorben. Im Gegenteil, man sieht eine Vielzahl an Tieren, denen der Winter nicht nur nichts auszumachen scheint, sondern sogar Spass macht – am eindrucksvollsten zeigen das die „rodelnden“ Kolkraben (Singvögel aus der Familie der Rabenvögel). Weiter in Richtung Süden liegt die „Insel der Vulkane“, die Halbinsel Kamtschatka. Hier befinden sich mehr als 160 Vulkane, von denen noch 29 aktiv sind. Die hohe vulkanische Aktivität erzeugt Geysire und heiße Quellen, die für die Tiere im Winter nicht nur einfaches Aufwärmen, sondern auch grünes Gras bedeuten.

Nach kurzer Zeit wird man vom Film erneut mit auf die Reise genommen, gen Westen zum Kaukasus. Dort stößt man auf die extremen Unterschiede, die das Land bietet: Auf der einen Seite des Gebirges fruchtbares Land, Regen und Wald, auf der anderen Seite, in Dagestan, trockene Wüste und Einöde, geprägt von Sandstürmen und Wanderdünen. Dagestan war übrigens mit plus 40° C der heißeste Drehort. Und die Reise geht weiter. Vom Kaukasus zum Ural, wo sich Steinböcke rabiate Kämpfe liefern, zum Baikal und nach Sibirien, wo plötzliche Kälteeinbrüche Bäume mit lautem Knall zum platzen bringen. Jakutien stellte die Kamerateams mit seinen extremen Temperaturen um minus 50° C vor besondere Herausforderungen. Zu guter Letzt ging es wieder zurück an die Pazifikküste und an das Eismeer.

Das größte Problem des, ohne Altersbeschränkung freigegebenen, Filmes ist gleichzeitig seine besondere Stärke: Die Weiten Russlands, die unzähligen Landstriche und seine sagenhafte Tierwelt machen es unmöglich, alles Wissenswerte in nur einem Film zu darzustellen. Nicht umsonst sammelten sich im Laufe der Dreharbeiten bis zu 600 Stunden Rohmaterial zusammen. Der Zuschauer erhält dagegen immer nur einen kurzen Überblick über die verschiedenen Gebiete und Tiere. Dieser Überblick aber ist fantastisch. Riesige Areale werden gezeigt, Wälder die auch in Deutschland stehen könnten, wären darin nicht Tiere zu sehen, die zugleich fremdartig und beeindruckend wirken.

Der Kommentator Siegfried Rauch erläutert dabei immer wieder Wissenswertes über die Tierwelt, aber auch über die Einmaligkeit der Aufnahmen: Oft werden Tier-Aufnahmen gezeigt, die so bisher gar nicht oder wenigstens nicht in freier Wildbahn gefilmt werden konnten, darunter der Amur-Tiger am Strand, kämpfende Moschusochsen auf Wrangel sowie wilde Russische Desmane (seltene Wassermaulwürfe). Zwischen den einzelnen Gebieten, die oft zugleich auf eine ganze Klimazone zeigen, fühlt man sich tatsächlich mit auf die Reise genommen. So werden Luftaufnahmen von Gebirgen und Ebenen gezeigt, wodurch ein Eindruck der gewaltigen Ausmaße dieses Landes entsteht. Siegfried Rauch gibt dabei immer wieder wissenswerte Informationen und ermöglicht durch Richtungs- und Entfernungsangaben eine grobe Orientierung.

Alles in allem ist die 91-minütige Dokumentation eindeutig zu kurz. Als Zuschauer zieht er einen so sehr in seinen Bann, dass man sich wünscht, einfach immer mehr Bilder zu sehen und noch mehr Wissen über das Gezeigte zu erwerben. Genau deshalb wird darauf hingewiesen: Russland ganz zeigen? Das geht nicht. Gerade aber diese scheinbaren Lücken, die entstehen, machen den Film zu einem unglaublich beeindruckenden Erlebnis. Und ebenso abenteuerlich wie die Dokumentation, gestalteten sich auch die Dreharbeiten, wie es auf der offiziellen Webseite nachzulesen ist. Es kam neben Unstimmigkeiten mit dem russischen Geheimdienst, zur Beschlagnahmung des gesamten Filmmaterials, zu einem Heißluftballon-Absturz, einem Giftschlangenbiss etc.. Davon ließ sich das Filmteam jedoch nicht unterkriegen. Russland – Im Reich der Tiger, Bären und Vulkane ist ein Film, den medienbewusst.de besten Gewissens empfehlen kann.

Arne Nowacki

Bildquelle:
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